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250 Jahre USA
Derzeit bereiten sich die USA auf die 250-Jahrfeiern zur Unabhängigkeit vor. Schon der alternativ verwendete Begriff der “amerikanischen Unabhängigkeit” ist eine vielsagende Vereinnahmung, welche einem ganzen Kontinent eine koloniale Sichtweise überstülpt, die vor allem in der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump den Diskurs beherrschen möchte und sich in zahlreichen Maßnahmen manifestiert, welche Trumps Präsidentschaftserlass „Restoring Truth and Sanity to American History“ vom Mai 2025 verordnete.
Wenn wir auf historische Entwicklungen zurückblicken, konzentrieren wir uns meist auf unumstößliche Ereignisse und Fakten, doch die Erzählung und Deutung dieser Geschichte ist unter Trump nicht in Stein gemeißelt, sondern wird täglich neu geschrieben. Dabei stellt sich stets die Frage, wer sie schreibt, wer sie interpretiert oder wer gar aus der Geschichte “herausfällt”. Gerade im Jubiläumsjahr stellt sich diese Frage in besonderer Dringlichkeit.
Die New York Historical Society, welche das älteste Museum in New York betreibt, hat sich angesichts des “Semiquincentennial” eben dieser Frage gestellt. Mit der Ausstellung “Democracy Matters” spürt sie den Zielen der Revolution und vor allem deren Verwirklichung nach. Was wurde aus dem Wunsch nach Freiheit und Gleichheit? Der Kampf um “Equality”, also nach Gleichberechtigung wurde von Trump nach Amtsantritt umgehend auf den sprachlichen Index gesetzt: Die Begriffe “Diversity, Equity, Inclusion” wurden zu “woken Unwörtern” erklärt und aus den Regierungsprogrammen gestrichen — mit weitreichenden Folgen.
Frauen werden in dieser Geschichtsschreibung von Revolution und Staatsgründung ausgeblendet. Die Unabhängigkeit der USA und die Eroberung der Frontier gehört allein den weißen Männern. Die Bildung einer neuen Nation wurde jedoch wesentlich von Frauen mitgeprägt — insbesondere jenen mutigen Frauen, die sich früh für die Abschaffung der Sklaverei oder das Frauenwahlrecht engagierten. Frauen wie Elizabeth Cady Stanton oder Susan B. Anthony, die bereits 1848 in der “Seneca Convention” das Wahlrecht für Frauen forderten, oder die 1822 geborene Harriet Tubman, welche sich gegen die Sklaverei und als Fluchthelferin für Geflohene an der “Underground Railroad” einsetzte, fehlen im gegenwärtigen Narrativ. Mit der Ausstellung “Revolutionary Women” will die New York Historical Society diese Wissenslücke überwinden.
Inspirieren ließen sich diese Frauen von den Indigenen, insbesondere von den Haudenosaunee, deren Klanmütter lange vor der Ankunft der ersten Weißen bzw. Siedler*innen über politischen und gesellschaftlichen Einfluss verfügten und bis heute ausüben. Für die damaligen Besiedler*innen eine ungeheure Vorstellung!
Doch ausgerechnet die Indigenen scheinen im offiziellen Rückblick auf die letzten 250 Jahre völlig zu fehlen bzw. verdrängt zu werden — obwohl die US-Verfassung sich vom “Great Law of Peace” der Haudenosaunee inspirieren ließ. Leider vergaßen die Verfasser zwei wesentliche Aspekte der Haudenosaunee-Verfassung: das Prinzip des Konsenses und die Mitwirkung der Frauen.
Das National Museum of the American History in Washington hingegen erzählt die Entwicklung der letzten 250 Jahre anhand von Objekten, welche vor allem den Fortschrittsgeist und die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der USA beschwören. Zwar werden auch die negativen Aspekte wie kapitalistische Ausbeutung und Sklaverei thematisiert, doch Landraub, Vertreibung und Völkermord an den Indigenen bleiben weitgehend ausgespart.
Schon einmal, Ende des 19. Jahrhunderts, galt deren Schicksal als “Vanishing Race” besiegelt, doch mit der Vertreibung aus der historischen Erzählung versucht man, sie ein weiteres Mal in der US-Geschichte “auszurotten”.
Allerdings nicht ganz, denn die New York Historical Society würdigt in der Ausstellung „House Made of Dawn: Art by Native Americans 1880 to Now “ gezielt deren künstlerische Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart. Der Titel ist dem Erfolgsroman von N. Scott Momaday (Kiowa) entlehnt, der 1968 als Durchbruch der indigenen Gegenwartsliteratur gefeiert wurde. Die in Stil und Materialität vielfältigen Ausstellungsobjekte entstammen der Privatsammlung der Direktorin des Museums, Agnes Hsu-Tang und ihres Ehemann Oscar Tang, welche die Werke der New York Historical Society nun als Schenkung überlassen. Zu den bekanntesten Künstlern zählen u.a. Kent Monkman, Jaune Quick-to-See-Smith und Carla Romero.
150 Jahre Schlacht am Little Bighorn
Welche Feierlichkeiten die Trump-Administration zum 4. Juli plant, ist noch nicht ganz klar — weder Trump-Statue noch Triumphbogen oder goldener Ballsaal dürften rechtzeitig fertig werden. Auch manche Indigene werden sich Feuerwerk und Festumzüge zum Unabhängigkeitstag anschauen, doch sie haben ihren eigenen Blick auf die Geschichte — zu dieser zählt u.a. die Schlacht am “Greasy Grass”, besser bekannt als Little Bighorn, als1876 ein Bündnis von Lakota, Arapaho und Cheyenne den US-Truppen, darunter der berühmt-berüchtigten 7. Kavallerie unter George Armstrong Custer, eine verheerende Niederlage zufügte. Inzwischen weisen einige Quellen daraufhin, dass ausgerecht eine “Women Warrior” Custers Schicksal besiegelte — für den Machismo der MAGA-Bewegung eine kaum erträgliche Vorstellung.
Früher galt die kriegerische Auseinandersetzung in den USA als “Massaker von Little Bighorn”, ganz als ob die Indigenen weiße Soldaten grundlos niedergemetzelt hätten. Ein Massaker veranstaltete hingegen die US-Armee 1890 bei Wounded Knee. Aber letztlich schreiben die “Sieger” (auf lange Sicht waren das die USA) die Geschichte, das heißt im Fall von Little Bighorn wurde der Widerstand der Indigenen zum Gemetzel umgedichtet, ohne den historischen Kontext zu berücksichtigen. Damals hatten die USA — nach dem „Indian Removal Act“ von 1830 — die Indigenen immer weiter in den Westen verdrängt und vor allem die Indigenen Nationen der Prärien durch die massenhafte Abschlachtung der Büffel ihrer Nahrungsgrundlage beraubt. Doch für die Indigenen bedeutet die Schlacht vom Juni 1876 — also ein Jahrhundert nach der Unabhängigkeitserklärung der USA — einen wesentlichen Akt ihres Widerstands gegen Entrechtung und Völkermord.
Lakota, Arapaho, Cheyenne und viele andere Indigene werden die Gedenktage um den 25.-27. Juni nutzen, um auf ihre Sicht der Geschichte hinzuweisen – und vor allem ihre Rechte einzufordern. Denn nach der Schlacht am Little Bighorn folgten Racheaktionen der USA, Internierung in Reservaten, Verfolgung der Aktivisten des Widerstands und weitere Vertragsbrüche.
In zahlreichen Veranstaltungen, u.a. am Little Bighorn, erinnern die Indigenen daran, dass sie überlebt haben — auch wenn sie sich heute gegen den Geschichtsrevisionismus von Trump behaupten müssen, der selbst Gedenktafeln an Nationalmonument entfernen wollte.
21. Juni: „Indigenous Day“ in Kanada
Kanada feiert derzeit zwar kein Unabhängigkeitsjubiläum — die Feierlichkeiten fanden dort bereits 2017 statt, als des 150. Gründungsjubiläums 1867 gedacht wurde (obwohl der britische König bis heute noch offizielles Oberhaupt ist), aber Kanada erklärte 1996 den 21. Juni zum “Nationalen Tag der Indigenen Völker”, der somit dieses Jahr zum 30. Jahr gefeiert wird. Gleichzeitig wurde der gesamte Juni zum “Monat der Indigenen Völker” erklärt. Kanada versteht sich bekanntlich besonders auf solche symbolischen Aktionen, auch wenn die Realität ein ganz anderes Bild zeigt.
Seit vielen Jahren kritisieren Menschenrechtsorganisationen und auch die Vereinten Nationen, dass Kanada seinen Verpflichtungen gegenüber den Indigenen Völkern nicht nachkommt. Vor allem Ressourcenprojekte werden noch immer gegen den Widerstand der Indigenen vorangetrieben, der zudem massiv kriminalisiert und verfolgt wird. Trotz der Lippenbekenntnisse zur Anerkennung der UN-Deklaration der Rechte der Indigenen Völker, die auch in kanadisches Recht übernommen wurde, gehen die Planungen zum Bau neuer Pipelines (u.a. zwischen Alberta und British Columbia) wie auch zur Nutzung der Ressourcen weiter.
Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir kontinuierlich Kanada auffordern, die Rechte der Indigenen Völker zu respektieren.
Termine
- Nonam
Am 21. Juni, dem “Indigenous Day” feiert das Nordamerika Native Museum in Zürich von 1000 — 1700 die Indigenen mit einem eigenen Thementag. Neben einer Führung durch die Sonderausstellung „An der Eiskante. Unterwegs in Nordgrönland“ (vgl. Coyote 140/141) bietet das NONAM ein Kinderprogramm und vor allem die Begegnung mit Indigenen. So präsentiert der Sámi-Künstler Jo Morten Kåven seine Joik-Künste, die einzigartige Musik der Sami. Der Künstler, Kurator und Sprachlehrer Jamie Jacobs (Tonawanda Seneca Nation, Turtle Clan) führt durch die Sammlungsausstellung, und beide stellen sich in einem Podiumsgespräch dem Publikum.
Info: LINK NACHTRAGEN
- Fritz-Scholder-Ausstellung in Frankfurt
Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt präsentiert erstmals außerhalb Nordamerikas zahlreiche Gemälde, Zeichnungen, Collagen und Lithografien des Künstlers (1937–2005). Fritz Scholder (La Jolla Band of Luiseño Indians, Kalifornien) zählt längst zu den bedeutenden Indigenen Künstlern der Gegenwart, wie der Ankündigungstext des MMK erläutert.
“Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren thematisierte Scholder, wie Indigene Körper, Lebensrealitäten und Geschichte(n) vor allem als Projektionsflächen einer weißen Mehrheitsgesellschaft in Erscheinung traten. Indem er historische Fotografien übernahm, überzeichnete und ins Groteske kippte, legte er Machtverhältnisse offen, die bis heute die Produktion und Zirkulation von Bildern prägen. Seine Arbeiten verhandeln Fragen visueller Souveränität — das Recht, die eigene Darstellung zu bestimmen — und machen sichtbar, wie sehr die Repräsentation von Native Americans von kolonialen Perspektiven geformt ist. Mit Komik, aber auch mit realistischer, klarer Härte befreite Scholder sich sowohl von diesen Bildregimen als auch von den damals vorherrschenden Indigenen Bildtraditionen und schuf somit eigene, gegenwärtige Bilder.” Die Ausstellung ist noch bis 25. Oktober 2026 zu sehen.
Info: LINK NACHTRAGEN
- Online-Panel
“Merciless Indian Savages”
America 250 Through an Indigenous Lens
Am 2. Juli 2026 wirft die Online-Veranstaltung (in englischer Sprache), organisiert von Indian Country Today (ICT), einen Blick auf die 250-Jahrfeier der USA aus Indigener Perspektive. Moderiert wird das Panel von der Journalistin Jourdan Bennett-Begaye (Diné), zu ihren Gästen gehört der Autor Philip J. Deloria, der an der University of Colorado und der University of Michigan American Studies unterrichtete und nun an der Harvard University tätig ist. Charitie Ropati (Yup’ik) ist eine Indigene Klimaaktivistin, Wissenschaftlerin und Ingenieurin. Sie graduierte an der Columbia University und wurde bereits mit zahlreichen Preisen für ihr Engagement ausgezeichnet, u.a. als “Champion for Change” vom Center for Native American Youth, und berät den UN-Generalsekretär in Klimafragen. Se-ah-dom Edmo (Shoshone-Bannock, Nez Perce & Yakama) ist Direktorin der NGO “Seeding Justice” und engagiert sich besonders für den Erhalt der Indigenen Kulturen und Sprachen. Die Panelists werfen nicht nur einen Blick zurück, sondern auch die Zukunft und diskutieren, wie die Indigenen Perspektiven die nächsten 250 Jahre prägen können.
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- Internationaler Tag der indigenen Frauen
Im vergangenen Jahr hat die UN-Vollversammlung den 5. September zum “International Day of Indigenous Women” erklärt. Die Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte wird diesen Tag mit einer Veranstaltung bzw. einem Vortrag würdigen, zumal wir seit Jahrzehnten auf die besondere Rolle der Frauen in den Völkern hinweisen und deren Anerkennung fordern.
Datum: 5. September 2026 (Veranstaltungsort und Details werden noch bekanntgegeben)
- 40 Jahre AGIM
2026 feiert die Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte ihr 40-jähriges Bestehen. Der Termin der Veranstaltung musste verschoben werden und die Feier findet nun am 24.10.2026 im Zukunftssalon in München statt. Die genauen Details werden noch bekanntgegeben.
Spenden
Zwar sind wir an Jahren und Erfahrung im Laufe unseres Einsatzes für die Rechte der Indigenen Völker gewachsen, doch leider kann die finanzielle Entwicklung damit nicht mithalten. Für unsere vielfältigen Aktivitäten — Veranstaltungen, Ausstellungen, Teilnahme an Konferenzen, Kampagnen, Coyote etc. — benötigen wir Eure Unterstützung durch Spenden. So werden wir vom 12.—17.07. erneut in Genf sein, um an der diesjährigen Sitzung des Expert Mechanism on the Right of Indigenous Peoples teilzunehmen und uns dort mit den Indigenen Delegierten zu koordinieren. Zudem ist für nächstes Jahr rund um den “Internationalen Tag der Indigenen Frauen” eine weitere Ausstellung in Vorbereitung.
All diese Aktion können wir Eure Unterstützung nicht umsetzen und bitten daher um Spenden.
In Solidarität mit dem Selbstbestimmungsrecht der Indigenen Völker
Monika Seiller
Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte e.V.
Frohschammerstrasse 14
D-80807 München
+49-173-9265932
post am/um/auf aktionsgruppe.de
www.aktionsgruppe.de
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Indianer-Netzwerk
Aktionsgruppe Indianer & Menschenrechte e.V. (AGIM) ist ein gemeinnütziger Verein (gegr. 1986) zur Unterstützung der Rechte der indigenen Völker Nordamerikas und Herausgeberin des Magazins Coyote.
AGIM e.V. (Action Group for Indigenous and Human Rights, est. 1986) is a non-profit human rights organization dedicated to supporting the right to self-determination of Indigenous peoples in North America. We publish a quarterly magazine Coyote.
Bankverbindung: IBAN DE28 7015 0000 0017 2234 70 / BIC: SSKMDEMM / Stadtsparkasse München
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