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Louis-Karl Picard-Sioui: Der große Absturz – Geschichten aus Kitchike

Louis-Karl Picard-Sioui: Der große Absturz – Geschichten aus Kitchike (Cover 2020 Secession Verlag für Literatur) Geschichten von Karl-Louis Picard-Sitoui

von Dionys Zink
(veröffentlicht 123/2020)

Um es gleich vorweg anzumerken: „Der große Absturz“ – diese Sammlung an Alltagsszenen und -figuren aus einer Reservation in Quebec ist unser Favorit und dringendste Empfehlung in der Flut der Neuerscheinungen in diesem denkwürdigen letzten Jahr.

Die „Stories aus Kitchike“ sind in der Tat, wie bereits andere Rezensenten feststellten, eine Art Panorama des alltäglichen Irrsinns, in dem kanadische Ureinwohner heutzutage zu leben haben. Aus dem Blickwinkel verschiedener Figuren wird das nicht selten dysfunktionale Beziehungsnetz innerhalb einer kleinen Reservation in Quebec aufgespannt, dessen Alltag sich in einem rassistischen Umfeld und korrupten Machtstrukturen mit verdächtig kleingeistigen Intrigen abspielt.

Dabei ist sich der Verfasser auch nicht zu schade, gelegentlich verblasste Metaphern abzustauben, etwa wenn das Alkoholproblem einer Figur mit den zehntausend Löchern in Lancashire aus dem Beatles-Song „A Day in the Life“ umschrieben wird. Manches mutet zunächst an wie eine Erzählung für Kinder. Beispielsweise werden die Geschäftsleute und Würdenträger der nahe der Reservation befindlichen Kleinstadt als Monsieur Zahn oder Monsieur Klasse nach ihren Berufen vorgestellt, dann aber mit ähnlichem Effekt wie weiland bei Georg Büchner in seinem „Woyzeck“-Fragment. Der Alltagsrassismus der Etablierten wird in einer Diskussion in der Warteschlange beim Monsieur Fleisch deutlich, weil der Zahnarzt und der Lehrer ihre indigene Kundschaft nur als Verwaltungs- und Sozialproblem wahrnehmen, dessen Lösung dann in den staatlichen Finanzzuwendungen bestehen soll, die in die Taschen eben der Funktionseliten wandern, die sich über die Ureinwohner mokieren.

Ganz nebenbei wird auch mit den üblichen Klischees aufgeräumt. Bei einem vermeintlich traditionellen Powwow mit pseudonindianischen Sportwettbewerben kommt es zu einem Betrugsskandal, der die Beziehungen zwischen den Großfamilien in der Reservation auf Jahre vergiftet. Die zahlreichen Begriffe, mit denen auch wohlmeinende Weiße glauben, der Diskriminierung und dem Alltags-
rassismus entgegenwirken zu können, ohne etwas an den tatsächlichen Verhältnissen ändern zu müssen, werden gnadenlos aufs Korn genommen. Gespart wird auch nicht an sarkastischer Selbstkritik.

Nicht wenige Reservate ähneln in ihren Machtstrukturen noch immer kolonialen Herrschaftssystemen, in denen der von den Kolonialherren kooptierte Machthaber hauptsächlich darauf bedacht ist, sich, seinen Verwandten und einer großen Zahl von abhängigen Klienten materielle Vorteile zu verschaffen. Dies geht dann solange „gut“, bis der vernachlässigte Teil der Reservationsbevölkerung zu drastischen Mitteln greift, um den Lokaldespoten und seinen Anhang zu entmachten und dann seinerseits für eine Generation oder länger einen neuen, ebenso korrupten Patron zu installieren.

Bei all dem hier dargestellten und oft herzzereißendem Elend sind die Geschichten aus Kitchike vor allem auch wegen der Erzählweise der Figuren ein großes Lesevergnügen. Mit Galgenhumor, wie er bei verschiedenen indianischen Nationen in jeweils eigener Ausprägung auftritt, werden die großen und kleinen Tragödien überspielt – und treten damit umso deutlicher hervor.

Kongenial übersetzt wurde „Der große Absturz“ von Sonja Finck und Frank Heibert. Sie steuerten auch ein ausführliches „Nachwort aus der Übersetzerwerkstatt“ bei, in dem sie aufzeigen, welche begrifflichen Schwierigkeiten sich bei der Übertragung von semantischen Nuancen aus dem Quebecer Französisch ins Deutsche ergeben, zumal man die Kenntnis der kulturellen Rahmenbedingungen beim Leser ja nicht voraussetzen kann.

Die Geschichten aus Kitchike sind der erste Band einer Trilogie, dem möglichst viele Leser zu wünschen sind, auch deswegen, weil damit die Chancen steigen, dass auch die beiden anderen Teile ins Deutsche übertragen erscheinen können: unbedingt lesen, mit Vergnügen!

„Der große Absturz – Stories aus Kitchike“ ist im Secession Verlag für Literatur in Zürich erschienen, umfasst 184 Seiten und kostet in der gebundenen Ausgabe 20,00 Euro.

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Montag, 11. Januar 2021 20:44:04 CET von oliver. (Version 8)

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