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Falsche Medizin

Ein Mescalero-Indianer klärt auf
von Robert Stark
(veröffentlicht 3/2005)

Al Caroll (rechts) beim Vortrag in München mit AGIM-Mitglied Robert Stark (Foto: AGIM) Vom 11. bis zum 16. Juli war in München der Mescalero-Apache Al Caroll zu Gast, Professor für Geschichte am St. Philipps College in San Antonio, Texas.

Während seiner Forschungsarbeiten zu indianischen Veteranen der US-Armee sind ihm zahlreiche Veröffentlichungen aufgefallen, die vorgaben authentische Informationen über indianische Weltanschauung und Rituale anzubieten. Es ist aber offensichtlich, dass es sich meist um regelrechte Hochstapler handelt, die nicht nur althergebrachte Klischees und Irrtümer verbreiten, sondern auch vielfach versuchen, aus solchen Angeboten Kapital zu schlagen.

Dies gab Al Caroll Anlass zur Gründung einer Organisation, welche sich die Aufklärung der an Indianern interessierten Öffentlichkeit über derartige Praktiken zum Ziel gesetzt hat. Unser Mitglied Nina Michael hatte die Organisation einer Informationstour für Süddeutschland übernommen. Eine Woche war für München als Veranstaltunsort vorgesehen. Drei öffentliche Vorträge und ein informelles Treffen mit der AGIM standen auf dem Programm.

Am Montag den 11.07. fand ein Erfahrungsausstausch in der Büroräumen der AGIM statt. Al Caroll stellte sein Anliegen vor. Die Mitglieder der AGIM berichteten über unsere Begegnungen mit Europäern, denen die Auseinandersetzung mit indianischer Spiritualität oder gar die Ausübung vermeintlicher indianischer Rituale ein Bedürfnis ist. Ziel des Gesprächs war die Auslotung von Schwerpunkten bei den bevorstehenden Vorträgen und mit welchen Vorgehensweisen die Zuhörer des deutschen Publikums im Sinne Al Carolls am treffsichersten „aufgeklärt“ werden können. Zugleich wurde abgesprochen, welche Mitglieder der AGIM an den jeweiligen Terminen als Übersetzer zur Verfügung stehen.

Bereits der erste Vortrag am Mittwoch, den 13.07.2005 war ein voller Erfolg. Die evangelische Stadtakademie hatte zu einer Abendveranstaltung geladen, bei der bereits im Vorverkauf 40 Eintrittskarten vergeben worden sind. Ein deutliches Zeichen für das Interesse am Thema des Vortrags. Weitere Zuhörer zahlten an der Abendkasse und Al Caroll durfte in einem gut gefüllten Saal vor einem aufmerksamen Publikum sprechen. Gut besuchte Vorträge fanden ferner Donnerstags in der Volkshochschule von Haar bei München und Samstags im Münchner Kulturzentrum Gasteig statt.

Al Caroll wusste lebendig aus seiner Biographie zu berichten, u.a. auf welchen Umwegen er zu seinem heutigen Beruf kam. Bereits als Kind war er mit Rassismus und daraus resultierender Kriminalität in der indianischen Jugendszene konfrontiert. Wie viele junge Indianer war er eine Zeit lang auf die schiefe Bahn geraten. Doch seine „Misstaten“ dürfen im Vergleich zu denjenigen von „schweren Jungs“ aus seiner Bekanntschaft eher als Kavaliersdelikte gewertet werden. Bizarrer Weise waren es gerade diese Bekanntschaften, die ihm dringend anrieten mehr aus seinem Leben zu machen: Schließlich hätte er am meisten „Grips“ von seinem Freundeskreis. Al Caroll setzte diese Anregung in die Tat um, begann eifrig zu lernen, studiere schließlich und brachte es zum Professor für Geschichte.

Gleichermaßen plastisch berichtete Al Caroll über das Phänomen der imposters, eben jenen Leuten, die vorgeben als Eingeweihte indianische Religionen und Rituale lehren zu dürfen. Dabei konzentrierte er sich insbesondere auf häufig auftretende Missstände, wie die finanzielle und sexuelle Ausbeutung argloser „Schüler“, die mitunter herbe Enttäuschungen erleben müssen.

Ärgerlich an diesen Pseudomedizinleuten sei vor allem, dass sie ernsthaftes Interesse in Bahnen lenken, die von einer Auseinandersetzung mit authentischer indianischer Kultur wegführen. Hier gehe viel Potential für eine echte Begegnung zwischen fremden Kulturen verloren. Um den Zuhörern bleibende Orientierunghilfen an die Hand zu geben, wurden im Publikum Blätter mit zentralen Thesen des Vortrags sowie zahlreicher authentischer indianischer Quellen zur eigenen Kultur und Religiosität verteilt.
Einige der wichtigsten Stichworte sind im folgenden aufgezählt:

  • Indianische Medinzinleute lehren nur innerhalb ihres Volkes. Die Übertragung einer auf Land, Leute und kulturellen Kontext zugeschnittenen Weltanschauung in eine fremde Kultur macht wenig Sinn. Niemals veranstalten Sie Workshops oder benutzen keinesfalls moderne Massenmedien.
  • Sie lassen sich für Ihre Dienste nicht bezahlen.
  • Sie lehren keine synkretistischen Praktiken, die Lehren verschiedener indianischer Nationen oder gar nichtindianische Heilslehren (Astrologie, Yoga, europäisches Heidentum, Reinkarnationstheorien, apokalyptische Visionen usw.) vermischen.
  • Rituale, die sexuelle Handlungen erfordern, werden nicht durchgeführt.
  • Sie verbreiten keine Stereotypen angloamerikanischen oder europäischen Ursprungs über ihre Völker. Z.B. sie seien im Besitz geheimen Wissens, das mitgeteilt werden müsse weil sie dem Untergang geweiht seien, ihre Traditionen nicht alleine fortführen könnten oder die Welt vor dem Niedergang durch die Folgen der weißen Zivilisation bewahrt werden soll.
  • Seriöse Medizinleute benutzen keine exotisch klingenden, blumigen Namen (Sun Bear, Beautiful Painted Arrow, Rainbow Hawk etc.) oder konstruierte Genealogien. Sie benutzen in der Öffentlichkeit ganz profan klingende, englische Namen.


Bezeichnend für die innere Teilnahme des Publikums waren zahlreiche Fragen und Diskussionen am Ende jeden Vortrags, wobei so mancher Fragesteller von Al Caroll mit der zweifelhaften Natur bezüglich geknüpfter Kontakte oder einer lieb gewonnener Lektüre konfrontiert worden ist.

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Sonntag, 29. März 2020 18:45:12 CEST von oliver. (Version 2)

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