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Emily Carr: Klee Wyck – Die, Die Lacht

Klee Wyck – Die, Die Lacht (Cover 2020 Verlag Das Kulturelle Gedächtnis) Das Erinnerungsbuch von Emily Carr

von Dionys Zink
(veröffentlicht 123/2020)

In einem streng presbyterianischen Haushalt am Ende des 19. Jahrhunderts in British Columbias Hauptstadt Victoria aufzuwachsen, prädestiniert ein Mädchen nicht unbedingt dazu eine bedeutende Künstlerin zu werden. Emily Carr (1871 – 1945) musste denn auch lange warten, bis ihre Kunst entsprechende Anerkennung fand – zunächst im Osten Kanadas. Erst nach ihrem Tod erlangte ihr Werk weite Verbreitung.

Emily Carr war eine Ausnahmeerscheinung in mehrerlei Hinsicht. Sie bereiste die indianischen Kulturen im pazifischen Raum Alaskas und Kanadas zu einer Zeit, in der die Ureinwohner der Region vor allem von Missionaren und Händlern heimgesucht wurden, und sie brachte den ungewöhnlichen Blick einer Künstlerin mit, die das überreiche Erbe der Nordwestküstenkulturen zu würdigen wusste. Eine erste Reise führte sie nach Ucluelet zu den Nuuchah-nulth („Nootka“), später besuchte sie mehrfach die Haida auf Haida Gwaii (Queen Charlotte Islands) aber auch indigene Völker auf dem Festland, wie die Tsimshian und die Gitksan. Ihre Ausbildung zur Malerin vervollständigte sie in San Francisco, London und Paris. In Frankreich geriet sie 1910 unter den Einfluss der Postimpressionisten und Fauvisten, wie etwa George Braque und Henri Matisse, aber auch ihre Vorläufer wie Paul Gauguin oder Harry Phelan Gibb.

Ihre produktivste Zeit hatte Emily Carr in den späten 20er und 30er Jahren. Es entstanden zahlreiche Bilder und auch dreidimensionale Kunstwerke, die Motive der indianischen Kunst der Nordwestküste aufnehmen und in expressionistischer Manier darstellen. Mit fortschreitenden gesundheitlichen Problemen wandte sich Emily Carr dem Schreiben zu. Emily Carr (PD-US, Can) Ihr Erstling, das Erinnerungsbuch „Klee Wyck – Die, Die Lacht“ (1941) ist nun erstmals auf Deutsch erschienen. Es enthält vor allem situative Textskizzen, die hier im Untertitel als „Reportagen“ bezeichnet werden. In dichter Atmosphäre und auf paradoxe, weil minimalistische Weise lassen sie die Düsternis und den Verfall der indianischen Siedlungen an den Pazifikküsten lebendig werden. Die eigentliche Ursache für den Niedergang der Nordwestküstenvölker lag in einer Pockenepidemie, die z.B. auf Haida Gwaii bei einer Bevölkerung von 30 000 Menschen in mehr als hundert Dörfern zur Mitte des 19. Jahrhunderts entsetzliche Folgen hatte. Nur etwa 600 Haida überlebten um 1900 auf dieser Inselgruppe im Pazifik.

Carr bereiste die Orte zu einer Zeit, in der sich die Bevölkerung zwar langsam stabilisierte, doch die Missionen und ihre Internatsschulen, die zunehmende Abhängigkeit von importierten Gütern und daher auch von der Erwerbsarbeit führten weiterhin zur Aufgabe und damit zum Verfall von Siedlungsplätzen. Ganz in Wortwahl, Ton und Pathos ihrer Zeit hielt Carr in ihren Schriften fest:

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„Ich schwelge in unserem wundervollen Westen und hoffe, einige Zeugnisse seiner ersten primitiven Größe zu hinterlassen. Diese Gegenstände sollten für uns Kanadier sein, was die Hinterlassenschaften der alten Briten den Engländern bedeuten. Nur noch wenige Jahre wird es dauern, bis sie für immer im schweigenden Nichts verschwunden sein werden, und ich würde lieber meine Sammlung zusammenbringen, bevor sie für immer der Vergangenheit angehören.“

In den letzten produktiven Jahren ihres künstlerischen Schaffens wandte sich Emily Carr dem zu, was man heute ohne weiteres als ökologisches Bewusstsein avant la lettre charakterisieren kann. Sie nimmt die industrielle Verwüstung British Columbias wahr und malt Bilder, auf denen Baumstümpfe und entleerte Landschaften zu sehen sind. Auch die Rolle der etablierten Kirchen sieht sie nach einer Hinwendung zur Theosophie, die in den 30er Jahren in Mode kam, zunehmend kritisch.

Bereits „Klee Wyck“ enthielt ursprünglich missionskritische Passagen, die zwar in der Erstausgabe noch vorhanden sind, in späteren Taschenbuchausgaben jedoch fehlen, weil sie nach 1945 vor allem nach der Aufnahme in die kanonische Schulbuchreihe „Canadian Classics“ als nicht mehr vermittelbar galten. Man befürchtete, dass Kritik
an der Geistlichkeit, dem Internatsschulsystem oder dem Verbot traditioneller Zeremonien wie dem Potlatch ablehnende Reaktionen unter den Lehrern und den Genehmigungsbehörden provozieren würde. Diesen Zensurakt und die zahlreichen Fehlstellen aufgedeckt zu haben, ist das Verdienst von Kathryn Brigde, die bis 2017 stellvertretende Leiterin des Royal British Columbia Museums in Victoria gewesen ist. Bridge befasste sich eingehend mit den verschiedenen Manuskripten und Fassungen von „Klee Wyck“ und konnte so rekonstruieren, wie es zu dem verstümmelten Text kam, den die meisten Kanadier als einen Klassiker verehren.

„Klee Wyck – Die, Die Lacht“ ist als gebundene Ausgabe im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis (Berlin) erschienen, umfasst 175 Seiten und kostet 20,00 Euro. Die aufwändige Typographie und Graphik im Inneren des Bandes empfand der Rezensent als ansprechend bis kongenial. Umso mehr stellte ihn die erste Umschlagseite vor ein ästhetisches Rätsel. Der gemeinfreie Originaltext von „Klee Wyck“ kann unter folgender Adresse heruntergeladen werden: www.fadedpage.com/csearch.php?author=Carr%2C%20Emilylink-external

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Montag, 27. September 2021 13:57:51 CEST von oliver. (Version 20)

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