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Ulrich Wißmann: Skalpjagd

“Ein Navaho-Cop bei den Sioux”
gelesen von Dionys Zink

Wißmann verbindet gleich zwei Schwerpunkte mitteleuropäischen Interesses an Indianern zu verbinden: die Kultur der Dineh (Navajo) wird repräsentiert durch den ermittelnden Helden, der als doppelter Außenseiter, zwar Indianer aber nicht Lakota, im Gebiet der Black Hills und des Yellowstone-Parks in einer mysteriösen Mordserie ermitteln soll.

Die ungeklärte Abfolge von Mordtaten steht in enger Beziehung zu dem Konflikt um die sich vermehrenden Bisonherden, die ungehindert den Yellowstone-Park verlassen und so zu Opfern von weißen Trophäenjägern werden. Der Navaho-Stammespolizist Frank Begay soll im Auftrag des FBI den oder die Täter dingfest machen. Bei der Ermittlung in diesen Kapitalverbrechen steht im Susan Kaufman zur Seite, eine ebenso attraktive wie ahnungslose weiße FBI-Beamtin.

Wieviel Unterhaltung man dem Roman abgewinnen kann, hängt von der Perspektive und vom Kenntnisstand des Lesers ab. Wißmann versucht soviel Aufklärung wie möglich in seine Erzählung zu packen, so dass sich der eher gering informierte Leser, der sich vielleicht sogar mit Urlaubsreiseabsichten trägt, gut über die historischen Hintergründe so manches Konflikts von Wounded Knee 1973 bis in die Gegenwart im Indianerland informiert fühlen darf.

Der Roman schuldet viele Einzelheiten den Thrillern von Tony Hillerman, dem US-amerikanischen Großmeister des Ethno-Krimis. Mit Wißmanns Roman wird, übrigens ähnlich wie bei den Jugendromanen der Autorin Antje Babendererde, deutlich, dass die jüngere Geschichte indigener Nationen in Nordamerika einem Prozess der Historisierung und sogar Literarisierung unterworfen ist.

Beispielsweise geraten ehemals militante Aktivisten des AIM-Widerstands der 70er Jahre in das Visier des deutlich jüngeren Navaho-Ermittlers. An den Skizzen der Lebensläufe dieser Veteranen wird noch einmal die Repression seitens der Staatsmacht und der dahinter stehenden Konzerne aufgerollt.

Daraus ergibt sich für den Eingeweihten ein eigentümliches Spannungsverhältnis: Was viele Indianerfreunde in Europa noch für aktuelle Information über die Realität heutiger Ureinwohner halten könnten, ist bereits Geschichte, wenngleich jüngere Geschichte. Natürlich ist es eine Binsenweisheit festzustellen, dass man die indianische Gegenwart nicht ohne ihre Vergangenheit verstehen kann. Und ein Anhänger der Postmoderne wird einwenden, dass die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen das Kennzeichen unserer Gegenwart sei, doch darf man den Wert der hier verarbeiteten Tatsachen wohl nicht absolut setzen.

Mündlich tradierende Gesellschaften, und dazu gehören im weitesten Sinne viele indianische Kulturen trotz der modernen Kommunikationstechnik immer noch, kennen den Grundsatz nie eine ganze oder absolut vollständige Geschichte zu erzählen. Dahinter steht das Bewusstsein, dass niemand alle Wahrheiten kennen kann und die Wahrheit einer Geschichte oder gar der Geschichte der Beglaubigung durch mehr als nur eines einzigen Erzählers oder Zeugens bedarf.

Es ist nicht jedermanns Sache regelmäßig den COYOTE zu lesen, der nunmehr seit Jahrzehnten über die politischen und ökologischen Bedingungen im Indianerland berichtet. Für Neugierige aller Altersstufen vom Teenager aufwärts bietet der Roman demnach einen gelungenen und unterhaltsamen Einstieg.

„Skalpjagd – Ein Navaho-Cop bei den Sioux“ von Ulrich Wißmann ist im Traumfänger-Verlag erschienen, umfasst 180 Seiten und kostet in einer gebundenen Ausgabe 16,50 Euro.

Erstellt von dionys. Letzte Änderung: Freitag, 17. Januar 2020 16:36:30 CET von oliver. (Version 2)

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