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Thomas Wagner: Irokesen und Demokratie

Irokesen und Demokratie (Cover: LIT Verlag) Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation.
Reihe: Kulturelle Identität und politische Selbstbestimmung in der Weltgesellschaft.
von Robert Stark
(veröffentlicht 1/29005)

Die Doktorarbeit von Thomas Wagner ist eine exzellent fundierte Studie zu einem Problem, das in Unterstützerkreisen schon vor Jahrzehnten Beachtung fand. Die gründlichen Recherchen Wagners sollten nun die durchaus verdienstvollen, aber eher
vagen Hinweise und Aussagen hierzu in der älteren europäischen Literatur als Bezugspunkt ersetzen. Über die Fokussierung auf ein nordamerikanisches Thema hinaus bietet das Buch wertvolle Anregungen für die Auseinandersetzung mit aktuellen und brisanten weltpolitischen Themen. Die Lektüre ist lohnenswert, weil sie den Blick für wechselseitige Vorgänge bei Kontakten zwischen fremden Kulturen schärft und eine inspirierende Quelle für die Entwicklung eigener Argumente bei der Beschäftigung hiermit ist.

Thomas Wagner untersucht Hintergründe und Verlauf eines Historikerstreits in den USA der 80er und 90er Jahre. Gegenstand war der Einfluss des Irokesenbundes auf die Diskussion während der Entstehung und die schließlich formulierte amerikanische Verfassung. Überzeugten Anhängern eines starken Einflusses standen entschiedene Widersacher dieser Theorie gegenüber.

Der Autor untersucht die Argumentationsstrukturen beider Lager und gelangt zu einer differenzierten und ausgewogenen Darstellung, welche die historisch tatsächlich belegbaren Wechselwirkungen zwischen irokesischer und früher euro-amerikanischer Zivilisation darlegt. Besonderes Lob verdient dabei die Fairness, mit welcher Stärken und Schwächen sowie die geistigen Hintergründe der einzelnen Standpunkte ausgearbeitet werden, Den Irokesenbund beschreibt der Autor als „egalitäre Konsensdemokratie“. Sie entspreche einem Gesellschaftsmodell, für das der Doktorvater des Autors den Begriff „segmentäre Gesellschaft als regulierte Anarchie“ geprägt hat. Der bewusste Verzicht auf zentrale Machtstrukturen führe dort zur Ausbildung komplizier ter Verhandlungsrituale und Allianzen zwischen den gesellschaftlichen Einheiten, im Falle der Irokesen die matrilinear organisierten Clans.

Im Gegensatz zu den idealisierten Vorstellungen von Indianern in Europa hätten die Euro-Amerikaner durchaus auf konkrete indianische Erfahrung verweisen können. Die euro-amerikanischen Indianerdiplomaten hatten recht genaue Einblicke
in die Strukturen indianischer Gesellschaften. In der Waldlanddiplomatie zwischen Indianern und Weißen kam es zur Ausbildung einer gemeinsamen, in beiden Kulturen verstandenen Symbolsprache. Bilder wie ein Pfeilbündel, das in seiner Gesamtheit nicht gebrochen werden kann, sind modifizierte Symbole, die in beiden Kulturen Traditionen aufweisen und
ähnlich gedeutet wurden.

Andere Symbole, wie der Tomahawk, sind bereits ein spezifisches Produktder Kolonialzeit und lösen andere, ältere Bedeutungsträger ab. Beide Seiten waren sich wohl kaum darüber im klaren, dass hier eine neue Synthese entstanden ist. Wichtig war, dass die gemeinsam gepflegte Symbolsprache in beiden Gesellschaften verstanden und anerkannt wurde.

Hier liegt auch ein vermittelnder Ansatz der Arbeit Wagners, der nicht auf die Beeinflussung der einen Kultur durch die Andere fokussiert ist. Vielmehr wird überzeugend dargelegt, dass in der wechselseitigen Auseinandersetzung eine gemeinsame Synthese mit einem gemeinsamen Pool von Symbolen und Wertbegriffen formuliert worden ist, von dem dann auch viel in die Verfassungsdiskussion als auch in die Verfassung eingegangen ist.

Wagner verfolgt ferner, warum indianische Symbole von den Revolutionären im Kampf um die Unabhängigkeit von der englischen Krone eine bedeutende Rolle spielten. Häufig waren Sie als Indianer verkleidet (Boston Tea Party). Schließlich zeigt er, wie die nach Westen expandierende amerikanische Nation zunehmend das Interesse an stabilen diplomatischen Beziehungen verliert und an die Stelle außenpolitischer Koexistenz die Suche nach einer eigenständigen amerikanischen Identität tritt, die mit neuen Ideologien die Verdrängung der Indianer legitimiert (manifest destiny etc.). Damit geht auch der Blick auf die kulturellen Syntheseleistungen der Kolonialzeit verloren, mit Konsequenzen bis in den modernen Historikerstreit.

Weitere Themen sind die Beeinflussung der amerikanischen Frauenbewegung (Suffragetten) durch die frühe ethnologische Forschung zu den Irokesen und persönliche Kontakte zu Indianern, ferner die Reaktion der modernen Irokesen, die Ihre traditionelle politische Struktur im wesentlichen bewahrt haben, auf die Thesen im modernen Historikerstreit. „Verzeihen“ und „Versprechen“ sind wesentliche Grundkategorien im politischen Denken der Irokesen, das auf Bündnisbildung ausgelegt war. Nicht zuletzt deshalb könne viel von der Debatte um den irokesischen Einfluß auf die amerikanische Verfassung gelernt werden. Die heutige amerikanische Außenpolitik und Verfassungswirklichkeit habe sich jedoch weit von vielen Werten entfernt, die bei der Entstehung der Verfassung Bedeutung hatten.

Thomas Wagner: Irokesen und Demokratie. Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation, Reihe: Kulturelle Identität und politische Selbstbestimmung in der Weltgesellschaft. LIT Verlag Münster 2004.

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Sonntag, 22. März 2020 23:20:20 CET von oliver. (Version 3)

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