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Rede von Seattle

Text Seattle-Rede (René Bardet, Greenpeace vor 2000) Chief Seattles Rede für Greenpeacelink

Seit Jahrzehnten kursiert sie auch in Europa, die berühmte Rede des Häuptlings Seattle, die zu den frühen kanonischen Texten der Umweltbewegung gezählt wird. Es ist nicht verwunderlich, dass auch Greenpeace in seiner PR-Arbeit immer wieder einen Bezug zu den nordamerikanischen Ureinwohnern herstellte. Aufkleber mit obskuren Weissagungen der Cree, „Erst wenn der letzte Baum gerodet ist…“ oder die Legende von den Regenbogenkriegern, die - quasi als Erben der Indianer- Mutter Erde retten, machten lange Zeit die Runde.

Die Rede Seattles, die auf dem Poster abgedruckt erscheint, ist eine Schöpfung des Autors W. Arrowsmith, verfasst für den Film „Home“, der keineswegs Umweltschutzziele thematisierte, sondern vielmehr den Wert einer intakten Familie propagierte. Er war gedacht als PR-Material der konservativen Southern Baptist Covention, deren Zielgruppe vor allem Amerikaner afrikanischer Abstammung ist. Chief Sealth mag seinerzeit wohl eine Rede gehalten haben, von Büffeln, die es ins einer Heimat im heutigen Bundesstaat Washington damals gar nicht gegeben hat, wird eher nicht die Rede gewesen sein. Auch das Porträt Tatanka Yotankas (Sitting Bull) erscheint hier aus dem Zusammenhang gerissen, denn der heilige Mann der Hunkpapa Lakota hat diese Rede nicht gehalten.

Für Ernüchterung sorgten auch Konflikte zwischen Umweltschützern und indigenen Nationen. Ausgehend von einem allzu romantisierten indianischen Ökobewusstsein übersahen die Regenbogenkrieger mehrere Stoppschilder. Es sind tatsächlich die Ureinwohner, die jahrhundertelang mit ihrer Umwelt im Einklang lebten. Schon allein deshalb wollen sich die wenigsten Indianer von städtisch geprägten Weißen erklären lassen, wie man die Umwelt richtig schützt. Zugleich sind aber längst nicht alle Indigenen auch geborene Umweltschützer, wie ein Besuch in einer beliebigen Reservation schnell begreifen lässt. Umweltschutz gibt es nicht zum Nulltarif, man muss ihn sich leisten können, selbst wenn man grundsätzlich entsprechende Wertvorstellungen teilt. Es erscheint also etwas viel verlangt, wenn man erwartet, dass ausgerechnet die Nationen, die unter der massiven Umweltzerstörung der europäisierten, globalen Konsumgesellschaft am meisten zu leiden haben, jetzt auch noch deren Dreck wegräumen sollen – und dies unter albtraumhaften sozialen Bedingungen. Besonders problematisch wird es, wenn Zielkonflikte auftreten. Plötzlich stehen sich Umwelt- und Tierschutzorganisationen mit Millionen-Etats und hundertausenden Mitgliedern wenigen hundert Menschen zählenden Gemeinschaften gegenüber, die ihre traditionellen (und vertraglich zugesicherten) Jagdrechte ausüben wollen, so geschehen bei der alle paar Jahre stattfindenden, zeremoniellen Waljagd der Makah-Indianer im US-Bundesstaat Washington.

Umweltrechte sind Menschenrechte. Für indigene Völker dürfen sie jedoch nicht gegen ihre Selbstbestimmungsrechte ausgespielt werden. Nur wer beides im Zusammenhang berücksichtigt und verwirklichen will, kann ein echter Verbündeter indigener Nationen und Völker sein. Seriöse Umweltorganisationen, die nicht nur einen privaten Steeichelzoo schützen wollen, haben dies längst erkannt und stimmen sich vor dem Beginn ihrer Kampagnen mit Ureinwohnern ab.

AGIM hat im Lauf der letzten Jahrzehnte immer wieder mit Umweltverbänden kooperiert. Auch hier gilt es abzuwägen: manches Mal wurden Veranstaltungen, die federführend von Menschenrechtsorganisationen ins Werk gesetzt wurden, in der Öffentlichkeit dann den Umweltschützern zugeschrieben. Gesellschaftliche Reichweite hat eben ihren Preis.

Dionys Zink
 

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Sonntag, 19. April 2020 14:59:38 CEST von oliver. (Version 3)