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Marcie Rendon: Am roten Fluss

Zwischen Pooltischen und Getreidetrucks
Ein Krimi aus dem Red River Valley
gelesen von Dionys Zink

Der Ethno-Krimi ist nunmehr schon ein in die Jahre gekommenes Genre und der Leser hat fast den Eindruck, als seien mit der etwas jüngeren Welle der Heimat-Krimis endgültig die Niederungen erreicht, in denen alles auf Klischees und Stereotypen so reduziert wird, dass selbst eine Mord(s)geschichte nur noch den Vorwand bietet, überlieferte Fremd- und Selbstbildern (vor allem letzteren!) fortzuschreiben.

Da ist es dann doch erfrischend, wenn eine bisher noch nicht gehörte, wenngleich nicht mehr junge Stimme zu vernehmen ist.
Mit „Am roten Fluss“ ist nunmehr der erste Roman der Autorin Marcie Rendon erschienen und er unterscheidet sich dann doch von den Navajo-Krimis des verstorbenen Altmeisters Tony Hillerman. Zum einen steht eine weibliche Heldin in Mittelpunkt, zum anderen folgt diese nicht den vergleichsweise einfachen Mustern der strengen Induktion, das seit Edgar Allen Poes Dupin und erst recht seit Doyles Paradedetektiv zur Grundstruktur eines jeden Krimis gehört. Cash, die neunzehnjährige Anishinabe-Indianerin, wirkt wie ein Proto-Tankgirl, dass es in die Prärie des nordwestlichen Minnesota verschlagen hat. Zuhause ist sie an den Pool-Tischen der Kneipen um Fargo unter den maulfaulen Farmern skandinavischer Herkunft. Sie verbindet ihre Fähigkeiten aus den Andeutungen und dem Schweigen ihrer Mitwelt einerseits und geträumten Assoziationen zu ihrer sozialen Erfahrung als junge Indianerin im Mittleren Westen zu Beginn der 70er Jahre anderseits, zu einem intuitiven Erkenntnisweg jenseits der strengen Logik. Aus den halblauten Bemerkungen in den Bars und den gefühlten Wahrheiten der indianischen Realität jener Zeit ergeben sich die Spuren, die schlussendlich zur Aufklärung des Verbrechens führen.

Es steht zu vermuten, dass Marcie Rendon, wenn nicht ihre eigenen Lebenserfahrungen, so doch die ihrer Generation hat einfließen lassen. Das hier geschilderte Verbrechen, der Mord an einem indianischen Farmarbeiter im Red River Valley, gehörte in den 70er Jahren zu den Alltäglichkeiten in der Provinz. Auch das Schicksal der Heldin, alkoholbedingter Zusammenbruch der Herkunftsfamilie, Odyssee durch ungezählte Pflegefamilien und drohender Identitätsverlust sind die prägenden Einflüsse, die auch in der Wirklichkeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben sind. Eher ungewöhlich sind dann die losen Enden der Geschichte: ein weißer Sheriff, der sich rührend väterlich um Cash kümmert und ihr die Perspektive einer College-Bildung verschafft, das Schicksal einer siebenköpfigen Geschwistergruppe, die zu Waisen werden, oder der angedeutete Ausbruch aus den engen, überschaubaren Verhältnissen im ländlichen Mittleren Westen. Auch wenn man natürlich durchschaut, aus welchem Grund diese unbestimmten Enden Teil der Erzählung sind, wünscht sich der Leser eine Fortsetzung, eine neue Episode.

Die Übersetzung des Romans scheint weitgehend gelungen, wenn sich auch gelegentlich beim Lesen eine zweite eigene Meinung einschleicht. Aber das ist vielleicht überkritisch gesehen, denn schließlich musste für „Murder on the Red River“, so der Originaltitel, nicht nur die Handlung, sondern ein soziokultureller Hintergrund einer bestimmten Zeit übertragen werden, eine Aufgabe, der mit dem Wörterbuch allein nicht beizukommen ist. Da wäre eine einschlägige Reiseerfahrung und vor allem alltägliche Begegnungen mit den Vorbildern des Figureninventars hilfreich. Angesichts der Honorare, die für Übersetzungen gezahlt werden können, ist das natürlich eine utopische Vorstellung.

Marcie Rendon stammt aus der White Earth Reservation der Anishinabe in Minnesota und damit aus einer Weltgegend, die mit Louise Erdrich und Winona LaDuke bereits zwei Autorinnen hervorgebracht hat, die in dezidiert weiblicher Perspektive eine andere Sicht auf die Verhältnisse in der indianischen Geschichte und Gegenwart ermöglichen, als die Heldengesänge anderer Couleur. Die Autorin in Verfasserin mehrerer Gedichtsammlungen und Theaterstücke. Auf ihrer Website schreibt sie:

„In der Weltvorstellung (der Weißen) gelten wir als „verschwundene Völker“. Oder als Arbeitskräfte, nicht als Erfinder und Schöpfer. Welche Folgen hat diese Auslöschung unserer individuellen Identität für uns? Können wir glauben, dass es uns gibt, wenn wir in einen Spiegel blicken und kein Bild zurückgeworfen wird? Und was geschieht eigentlich, wenn eine bestimmte Gruppe den Spiegelmarkt beherrscht?“

Der Kriminalroman „Am roten Fluss“ ist im November 2017 als Ariadne-Krimi im Argument Verlag erschienen, er umfasst 220 Seiten und kostet 13,00 €.

Erstellt von dionys. Letzte Änderung: Freitag, 17. Januar 2020 16:32:52 CET von oliver. (Version 2)

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