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Indianerspiel heute

Begegnungen jenseits des Klischees
von Dionys Zink
(veröffentlicht 2/2007)

Bevor die nächste „Harry Potter“-Offensive durch die globalisierten Kinderzimmer rollt, fragt sich unser Autor Dionys Zink, was eigentlich aus dem „guten, alten Indianerspiel“ geworden ist. Das Spiel mit der fremden Identität scheint einer diffusen vorfabrizierten Fantasy-Welt gewichen. Auf der Strecke bleiben die Entwicklung eigener Phantasie und das lebenslange Interesse am Thema „Indianer“.

Die Spielanleitungen verstauben irgendwo auf dem Dachboden, gemeint sind die dicken Wälzer der Kindheit, verfasst von Karl May und James Fenimore Cooper. Mancher Coyote-Leser denkt sich wohl: - zu Recht! - , denn was diese Autoren an Romantizismus Vorurteilen und verkapptem Rassismus in die Welt gesetzt haben, muss mancher Indianerunterstützer und Interessent als Erwachsener erst mühselig, Schicht für Schicht gewissermaßen abtragen, um dann schließlich ein zeitgemäßeres, „echteres“ Bild von den Völkern zu gewinnen, die im herablassenden Kolonialjargon als Rothäute bezeichnet wurden.

Bei AGIM in München treffen immer wieder Anfragen engagierter Kindergärtnerinnen und Grundschulehrerinnen ein, man solle ihnen doch Material schicken, weil man eine Aktionswoche unter dem Motto „Indianer“ veranstalten wolle, am besten gleich mit einem echten Indianer. Häufig müssen wir bedauernd ablehnen, AGIM ist eine politische Organisation, die Indianer in Umwelt-, Land- und Menschenrechtsfragen unterstützt, nicht Kindergärten und Schulen. Unsere personellen und finanziellen Mittel reichen beim besten Willen nicht aus, um auch noch Beschäftigungsprogramme für Kinder zu entwerfen. Andererseits mischt sich in unsere Ablehnung gelegentlich auch eine gewisse Nachdenklichkeit, spätestens seitdem einige langjährige Mitarbeiter selbst Eltern von Kindern geworden sind, die natürlich nachfragen, was man da eigentlich jeden Montag mache, von gelegentlichen Begegnungen bei Veranstaltungen mit indianischen Gästen einmal ganz abgesehen.

Die Nachfrage bei „normalen“ Kindern und Heranwachsenden in der Schule erbringt, dass Indianer eigentlich kein so interessantes Thema (mehr) sind. Der Buch- und Computerspielmarkt wird von anderen Themen dominiert, Indianerliteratur existiert eher in der Klassikernische oder bei kleinen Verlagen. (Siehe unseren Beitrag auf S.xy) Das aktuelle Filmprogramm bietet ebenfalls kaum Identifikationsmöglichkeiten, zumal selbst die gegenwärtige Piratenwelle viel mehr mit der Fantasy-Seuche zu tun hat, als mit den naiven „Mantel und Degen“-Zeiten mit Gregory Peck und Errol Flynn. Die heutige überfütterte Generation braucht anscheinend stärkeren Tobak, um daraus eine eigene Spielwelt entwickeln zu können. Indianer gehören nicht dazu, - nicht mehr politisch korrekt, zu langweilig, alles schon mal dagewesen. Die Medienwelt vermittelt den Eindruck alles sei verfügbar, auch die Indianer, falls man mal welche braucht.

Leider macht diese Illusion auch vor Erwachsenen nicht Halt. Vor einigen Monaten fragte eine Interessentin allen Ernstes bei AGIM nach der Möglichkeit einer indianischen Hochzeit für sich und ihren Lebensgefährten an. Mit etwas Erfahrung zum Thema Heirat in Übersee schickte sich der Verfasser geduldig an, die notwendigen Formalitäten für eine Hochzeit in Nordamerika zu erklären, die selbstverständlich auch in indianischen Reservationen üblich sind. Nein,nein, wurde darauf erklärt, man sei schon seit vielen Jahren gesetzlich verheiratet, man wolle bloß nach indianischen Ritus heiraten, am besten mit Indianern in traditionellen Gewändern und so…

Das ist doch ein Erfolg: heutige Kinder sind da schon realistischer und übernehmen weder die Stereotypen von blutrünstigen noch dem edlen Wilden, schließlich sind ja Informationen über die wirklichen Indianer immer nur einen Mausklick entfernt. Es sind meistens die Erwachsenen, die einen „echten Indianer“ für ihre Kulissenschieberei brauchen.

War das Indianerspiel von damals nicht eigentlich eine Fortsetzung der Sehnsucht nach der exotischen weiten Welt, die heutige Kinder, einen prallen Geldbeutel der Eltern vorausgesetzt, ohnehin zu kennen glauben? Es sind wirklich meist die Erwachsenen, die Nachholbedarf haben und sich einen „Kindheitstraum“ erfüllen wollen.

Waren Indianerunterstützer früher der Auffassung, dass Karl-May-Verfilmungen und Indianerspiel eine Ursache für die Ignoranz der Mitteleuropäer in Bezug auf die Situation heutiger Indianer sei, hat sich das Bild inzwischen doch gewandelt. Ausgerechnet „Der Schuh des Manitu“, die unsägliche Klamotte von Bully Herbig, hat einen Anteil an der veränderten Perspektive. Indem der Film das Spiel und die Beschäftigung mit dem Thema Indianer als eine grenzdebile Lachnummer darstellt, zwingt er Indianerunterstützer ihr eigenes Herkommen zu überdenken. Natürlich, mancher setzt sich aus ganz anderen Gründen und Motiven für indianische Rechte ein, das Gros der Interessenten und engagierten Unterstützer blickt aber auf eine Kindheit zurück, in der das von Herbig denunzierte Indianerspiel eben alltäglich und keineswegs dämlich war.

Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zufolge hat sich der Aktionsradius von Kindern seit den 70er Jahren erheblich verkleinert. Waren Kinder vor 30 Jahren noch im Umkreis von bis zu 20 Kilometern außerhalb ihrer Wohnung aktiv, damit also „draußen“, muss sich der handygesteuerte Nachwuchs heute mit etwa vier Kilometern Auslauf begnügen. Ein Wald oder wenigstens ein Stadtpark dürfte damit außerhalb der Wahrnehmungsgrenzen der meisten Kinder liegen. Attraktive Computerspiele zum Thema Indianer gibt es (noch) nicht, wenn man von einer neueren Version des Standardspiels „Age of Empires“ einmal absieht.

Den Kindern geht damit etwas verloren, Primärerfahrungen zu Beispiel, wie man Feuer macht, mit anderen ein Spiel in einer unübersichtlichen Umwelt koordiniert, Spielregeln entwickelt und an die Spielumwelt anpasst. Auch die eigene Verkleidung, eine auch materiell gestaltete Spielidentität auszuprobieren, taucht bestenfalls noch im Fasching (für regional anders sozialisierte Leser: Karneval) auf. In den USA erscheinen bereits Ratgeber für Eltern und Kinder unter Titeln wie „The Dangerous Book for Boys“ (Titel in Übersetzung: „Das gefährliche Buch für Jungen“), weil sich zeigt, dass die typischen Spiele der Kindheit, ohne großen Aufwand und mit spontan freigesetzter Phantasie, im Zeitalter der digitalen Hundeleine regelrecht verlernt worden sind.

Das Indianerspiel vergangener Tage als Ausgangspunkt eines wachsenden Interesses wirkt über Jahrzehnte nach, so scheint es. Trotz aller inhaltlichen Verirrungen und der Tatsache, dass es für die meisten Erwachsenen nur ein Kinderspiel war, bleibt ein positiver Rest an Erfahrungen, der die meisten Erwachsenen für das Thema Indianer zumindest oberflächlich ansprechbar macht. Solange Heranwachsende in Mitteleuropa in ihren Spielen zumindest, das Überleben der indianischen Nationen inszenierten, war „Indianer“ auch später kein beliebiges Thema.

Auf den Fluren des Europäischen Parlaments zu Straßburg begegnete der Verfasser in den 90er Jahren einmal dem CSU-Abgeordneten Otto von Habsburg, des Interesses für ausgebeutete Minderheiten doch eher unverdächtig. Die Rede war von nordamerikanischen Indianern und der alte Mann hörte geduldig zu.

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Sonntag, 22. März 2020 10:36:39 CET von oliver. (Version 1)

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