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Günther Stoll u. Rüdiger Vaas: Spurensuche im Indianerland – Exkursionen in die Neue Welt

Naturwissenschaftliche Spurensuche
Gelesen von Dionys Zink

Das neue Buch „Spurensuche im Indianerland – Exkursionen in die Neue Welt“ ist ein gelungener Wurf. Endlich macht sich jemand mal die Mühe ein wissenschaftlichen Ansprüchen genügendes Lesebuch zu entwerfen, das nicht auf dem Niveau zwischen Volkshochschule und aufgepepptem Kindersachbuch stehenbleibt. Dabei werden auch schwierige Sachverhalte größtenteils anschaulich und ohne wissenschaftlichen Formalismus dargestellt. Als wichtigstes Medium setzen die Verfasser vor allem auf einen lesbaren Text.

Großformatige, bunte Bildchen wird man also in diesem Buch vergebens suchen, und das ist gut so, denn die plakativen Federhauben in den meisten populären Abhandlungen zum Thema Indianer verstellen allzu oft den Blick auf die kulturelle Vielgestaltigkeit des amerikanischen Doppelkontinents.

Diese Vorgehensweise bewährt sich bei Themen wie Ethnobotanik oder der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Altamerikanistik als Wissenschaft. Problematisch wird es, wenn bestimmte Kapitel der Ethnolinguistik, etwa die berühmte Sapir-Whorf-Hypothese und ihre Folgen für die Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft, beleuchtet werden: ein interessierter Laie wird den Autoren wohl kaum in diesen Dschungel der Grammatik folgen wollen. Im Anhang zu den jeweiligen Kapiteln bemühen sich die Autoren um eine ausführliche Bibliographie. Karten und Lageskizzen ergänzen den Text in hervorragender Weise.

Wirklich mit Gewinn zu lesen ist zum Beispiel das Kapitel über die Mound-Kulturen des amerikanischen (Süd-)Ostens. Die Autoren entfalten hier das Panorama verschwundener Völker, die Erdbauwerke schufen, die zumindest quantitativ den Vergleich mit den ägyptischen Pyramiden nicht zu scheuen brauchen.

Ebenfalls ausführlich wird die „Beringia“-Theorie diskutiert, nach der die Ureinwohner Nordamerikas über eine Landbrücke aus Asien eingewandert sein müssen. Wenn diese Theorie in den letzten Jahren auch zunehmend unter Beschuss geraten ist, so bleibt sie dennoch das bisher plausibelste Erklärungsmodell, wie es zur Besiedlung der westlichen Hemisphäre kommen konnte. In zwei Kapiteln zur Paläo-Linguistik und zur Humangenetik wird versucht, diese Theorie zu untermauern. So finden sich Parallelen zwischen sibirischen und indianischen Sprachen, aber auch genetische Einzelmerkmale, welche die „Verwandtschaft“ zwischen Indianern und Nordasiaten nahelegen.

Der Titel verweist auch auf eine zweite Funktion des Lesebuches, nämlich Exkursionsführer zu sein. Daher schließt sich an jedes Thema eine ausführliche Liste mit Zielorten für Studienreisen an, die weder die archäologischen Höhepunkte einer Nordamerikareise noch die vielfach übersehenen, aber allgegenwärtigen Zeugen indianischer Kulturen auch an unwahrscheinlichen Orten des Kontinents auslässt. Im Verbund mit entsprechendem Kartenmaterial und weiteren populären Reiseführern, sollte diese Buch also bei keiner Reisevorbereitung zum Thema präkolumbianische Ureinwohner in Nordamerika fehlen.

Das Lesebuch endet mit einer Stellungnahme der Autoren, welche die Widersprüchlichkeit der heutigen archäologischen Szene beleuchtet. Spätestens mit der Auffindung des „Kennewick“-Manns kommt es zur politischen Auseinandersetzung über die Verfügungsgewalt über die Vergangenheit. Die mit diesem Fund befassten Experten stellten fest, dass dieses Skelett Merkmale eines kaukasischen (also europäischen?) Ursprungs hat. Dies rief sofort die ultrarechten Relativisten auf den Plan, welche triumphierend verkündeten, die Indianer ihrerseits seien demnach keine Ureinwohner, sondern hätten im Gegenteil eine frühere Bevölkerung von Kaukasiern verdrängt. (Dazu muss man wissen: „Caucasian“ ist der amerikanische Ausdruck für genetisch europäischer Abkunft; für Insider nebenbei ein wunderbarer Fall, der die Sapir-Whorf-Hypothese zu bestätigen scheint.) Demnach, so das gezielte Missverständnis der Rednecks, könne es einen Landrechtsanspruch der First Nations nicht geben.

Im 19. und 20. Jahrhundert sammelten Wissenschaftler große Mengen an indianischen Artefakten und auch Skelette von Ureinwohnern. Bis heute schlummern die Gebeine in irgendwelchen Pappkartons und warten auf eine wissenschaftliche Untersuchung und Auswertung, die mangels finanzieller Mittel wohl nie stattfinden wird.

Der Indian Graves Repatriation Act erlaubt es indianischen Nationen, die Herausgabe von Kultgegenständen und die Bestattung von Gebeinen zu erzwingen. Was aber, wenn die zwischen den Gebeinen und Kultgegenständen und der jeweils fordernden indianischen Nation gar kein (historischer) Sachzusammenhang besteht? Tatsächlich scheint die „political correctness“ in solchen Fällen wieder einmal über das Ziel hinauszuschießen. Doch bleibt zu fragen, ob nicht an dieser Stelle nicht auch die prinzipielle Schwäche des Ansatzes der Autoren deutlich wird.

Auch die Orientierung und Beschränkung auf naturwissenschaftlich exakte Ansätze, wie sie die altamerikanische Archäologie und Anthropologie beherrschen, befreit die Wissenschaftler wohl kaum von der Pflicht sich auch den gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Arbeit zu stellen. Das Postulat von der „Wertfreiheit der Wissenschaft“, in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ohnehin problematisch, kann in der naturwissenschaftlichen Forschung, die sich mit Menschen befasst, gleichfalls nicht einfach a priori gesetzt werden. Die Indianer haben der Ethnologie und Anthropologie einiges zu verdanken, was heute verschüttet wäre, hätten sich diese Disziplinen nicht ausgerechnet in Nordamerika fortentwickelt. Zugleich ist den betreffenden Wissenschaften aber entgegenzuhalten, dass sie zu Zeiten in kolonialer Gutsherrenart über Kulturen verfügt haben, welche deren Träger zu Objekten wissenschaftlicher Karrieren degradierte.

Während viele Sprachen, Kulturen und Völker ihrem Ende entgegendämmern, ohne dass die Fachleute ernsthafte Anstrengungen unternehmen würden, diese Entwicklungen aufzuhalten, fragen sich manche Nichtwissenschaftler wem die Forschung einen Nutzen bringt. Manches erinnert da an den zynischen Witz vom Pathologen, „der immer alles besser weiß“.
Betrachtet man die Gier der Agrar- und Pharmakonzerne nach indianischem Wissen über Nutz- und Heilpflanzen, kann man schon sehen, für wen z.B. die „wertfreie“ Ethnobotanik eigentlich arbeitet. Und da kann man noch so lauthals seine guten Absichten bekunden, „Follow the trail of the money!“ heißt da eine ganz einfache Recherche-Regel. Wen wundert’s also, dass indianische Nationen sich gegen diese Vereinnahmung der Wissenschaftler zur Wehr setzen, wenn auch nicht immer mit den Mitteln, die man sich wünschen würde.

Noch ein Ergänzungsvorschlag: Interessant wären auch ausgearbeitete Reiserouten gewesen, welche etwa bestimmte Teilbereiche der im Buch entwickelten Sachverhalte ergänzen. Andererseits dürfte ein derart interessierter Zeitgenosse, der seine Exkursionen mittels dieses Buches plant, auch in der Lage sein, sich selbst eine entsprechende Tour zu organisieren.

Freundlicherweise empfehlen Günther Stoll und Rüdiger Vaas auch die Zeitschrift Coyote: „Die Beiträge sind zwar oft sehr einseitig, zeigen aber doch, wo es Konfliktpotentiale gibt.“ wird dazu angemerkt. Dem möchten wir ausdrücklich zustimmen, für die wissenschaftliche Ausgewogenheit gibt es ja zum Glück Bücher. Den Rest schenken wir uns, Fachleute vom Kaliber der Autoren, wissen schließlich auch, was sonst selbst in seriösen Zeitungen steht, sonst hätten sie das Buch ja wohl nicht gemacht.

Günther Stoll u. Rüdiger Vaas, Spurensuche im Indianerland – Exkursionen in die Neue Welt ist im Hirzel Verlag erschienen. Das Buch umfasst 408 Seiten und enthält auch ein ausführliches Register.




Erstellt von dionys. Letzte Änderung: Freitag, 17. Januar 2020 16:34:28 CET von oliver. (Version 2)

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