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Anita Weinbergerer (Übers.): Die Indianer Nordamerikas

Die Indianer Amerikas – Ein Amerikanischer Traum (?)
Neuer (Bild)Band von National Geographic
von Robert Stark
(veröffentlicht 3/2010)

National Geographic ist eine eindrucksvolle Anthologie zur Kultur der Indianer Nordamerikas gelungen, in der verschiedene Beiträge zu einem attraktiven Potpourri verwoben sind: Zeitgenössische, von Einflüssen der Moderne gekennzeichnete Kunst steht neben traditionellem Kunsthandwerk; grandiose Landschaftsaufnahmen zeigen den Lebensraum der verschiedenen Völker; ansprechende Rezepte sind mit vielversprechenden Aufnahmen leckerer Gerichte illustriert; Erzählungen aus der Mythologie und tatsächlichen Ereignissen indianischer Geschichte entführen in eine exotische Welt; alte und neue Fotografien bieten Momentaufnahmen von Gesangsdarbietungen, Tänzen und Zeremonien, die durch anschauliche Kommentare erläutert werden; eigene Abschnitte sind dem Heilwesen und der Überlieferung indianischer Weltanschauung gewidmet.

Als Autoren kommen durchwegs Indianer zu Wort, die jeweils ein Kapitel zu einem Thema verfasst haben. Die graphische Gestaltung des Buchs bricht jedoch die Gliederung in Kapiteln immer wieder auf. Kunst, Kunsthandwerk, Mythen, traditionelle Zeremonien und andere Facetten indianischer Kultur, denen eigene Schwerpunkte gewidmet sind, illustrieren immer auch die anderen Themen. Unmerklich wird der Leser gewahr, wie alles miteinander verknüpft ist. Verdienstvoll ist auch der deutliche Akzent auf die lebendige Kultur Nordamerikanischer Indianer. Auch wenn historische Photographien und alte Kunstwerke gezeigt werden, sollen sie hier im Zusammenspiel mit den aktuellen Ausdrucksweisen indianischer Kultur die dem Wandel der Formen innewohnende Kontinuität, Eigenart und ungebrochene Lebenskraft herausstellen. „Ein amerikanischer Traum“, so der Titel des Textes auf der Rückseite des Einbands.

Der Käufer dieses großformatigen Bildbandes hält ein wunderschönes Buch in der Hand. Die Aufmachung ist gediegen, mit Fadenheftung und Einlegeband. Hochwertige Papiersorten wechseln zwischen Text und Bildpassagen und sind in ausgezeichneter Qualität bedruckt. Das Papier besitzt eine angenehme Haptik und fühlt sich damit gut an. Die verwendeten Bilder sind von ungewöhnlicher Ausstrahlungskraft, quellen nur so über von prächtigen Farben und sind offensichtlich von Vollblutfotografen mit Liebe zum Detail angefertigt worden. Das Layout ist gut durchdacht und von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Text und Bild gekennzeichnet. Auf eine solide typographische Gestaltung des Textes wurde viel Wert gelegt. Ein nahezu perfektes Buch?

Dennoch gibt es Schönheitsfehler, die sich dem aufmerksamen Leser bald erschließen, wenn er sich nicht nur im Rausch der Bilder davontragen lässt. Einige sind sicherlich nur für die deutsche Ausgabe typisch. Den großen Wert, der auf die Ausstattung des Buchs gelegt worden ist, spiegelt die Übersetzung leider nicht wieder. Diese ist zwar bemüht, doch war hier wohl kein des Deutschen als Muttersprache mächtiger Übersetzer am Werk, wie manch holprige Formulierung verrät. Wortbildungen wie „naturinspiriert“ und „Deckengeschichten“ klingen sehr künstlich. Einige englischen Fachausdrücke hätte man besser gar nicht übersetzt.

Doch wenn man darüber hinwegsieht, muss vor allem Lesern unserer Zeitschrift ein Mangel auffallen, der auch die amerikanische Originalausgabe kennzeichnen muss: Das entworfene Bild ist ein bisschen zu harmonisch und positiv. Unbedarfte Leser mögen den Eindruck gewinnen, als existiere die Kultur nordamerikanischer Indianer in einem seit Urzeiten geschützten und geachtetem Refugium, wo sie sich von jeher ungestört entfalten durfte und darf. Es besteht in unserer Zeitschrift keinerlei Notwendig zu erläutern, dass dem nicht so ist.
Die Zeit seit der Kolonialisierung stellt eine schmerzhafte Erfahrung dar, die bis heute schwerwiegende Auswirkungen hat. Je nach Region, Stammesverband und Individuum sind die Folgen dieses Einschnitts in sehr unterschiedlichem Ausmass verarbeitet worden, keinesfalls jedoch bewältigt. Es ist zwar vollkommen richtig zu zeigen, wie sich die indianische Kultur an vielen Stellen in ungebrochener Lebenskraft zu äußern vermag, ohne dabei den Finger in alte Wunden zu legen. Es ist auch nicht die Aufgabe eines Buches wie diesem, permanent auf die traumatischen Erfahrungen hinzuweisen, die indianische Gegenwart mitgeformt haben. Dennoch hätte auch dieser Aspekt eine gewisse Beachtung verdient, nicht nur um den moralischen Zeigefinger zu erheben, sondern um das Bild von der lebendigen indianischen Kultur um eine Facette zu bereichern, die durchaus wichtig für das Verständnis ihrer Gegenwart ist.

Ein gutes Beispiel sind die sogenannten „Ledger-paintings“, ein durchaus auch in der deutschsprachigen Fachliteratur festsehender Fachbegriff, hier etwas unbeholfen mit „Papierzeichnungen“ übersetzt. Zwar werden der Rhythmus, die Farben und die symbolträchtigen Elemente dieser Kunstform in blumigen Worten gepriesen. Die traumatischen Umstände, unter denen diese Kunstform überhaupt entstand und die sie teilweise gleichermaßen eindrucksvoll dokumentiert, werden erst gar nicht angesprochen. So eindrucksvoll die Aufnahmen vieler moderner Pow-wow-Tänzer sein mögen, sie können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die „Triumphale Versammlung“, wie die Autorin das Pow-wow in deutscher Sprache umschreibt, nach ihrem Ende für viele Indianer in die ungleich weniger „triumphale“ Rückkehr in die Wirklichkeit des Elends einer Reservation mündet. Hätten auch solche Perspektiven Eingang in das Konzept gefunden, wäre das Buch ein großer Wurf geworden. So aber bleibt dem Kundigen ein schaler Nachgeschmack hinter der prächtigen Kulisse.

Anita Weinbergerer (Übers.): Die Indianer Nordamerikas. Kunst, Traditionen und Weisheit der amerikanischen Ureinwohner. National Geographic Deutschland. Hamburg 2009. 304 Seiten. Durchgehend farbig bebildert. 35 x 28 cm.

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Samstag, 21. März 2020 13:43:10 CET von oliver. (Version 1)

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