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Neil Young: Are You Passionate?

Song für Stammesvorsitzende
Fast überhört: Neil Youngs akustische Indianerbilder
von Dionys Zink
(veröffentlicht 1/2002)

I’m listening to Neil Young
Someone’s always yelling: Turn it down!
Robert Allen Zimmermann

Politik ist nicht unbedingt seine Stärke und so mancher hat sich in den 80er Jahren enttäuscht abgewendet, von einem Musiker, den alle zur Hippie- Ikone stilisieren wollten, und der zu Reagans Zeiten plötzlich durch Redneck- Statements zur Nahost-Politik aufgefallen war. Die Rede ist von Neil Young, dem Stehaufmann der nordamerikanischen Rockmusik. Derzeit tourt der Meister durch die USA in Begleitung von Crosby, Stills und Nash, den gegenwärtig aktivsten Untoten der 70er Jahre. Die Tournee des Quartetts, triumphal inszeniert und entsprechend der aktuellen amerikanischen Stimmungslage angepasst (blaupatriotisch, weißkitschig, rottrotzig), verdeckt den Blick auf das, was Young wenige Monate vor dem Septembertag auf einer Europa-Tournee mit seiner „Hausband“ Crazy Horse zum Besten gab.

Der Song „Goin’ Home“ gehört, obwohl erst dieser Tage in den Plattenläden, (d.h. wenn Nikolaus Jung sich nicht wieder anders besinnt und den Veröffentlichungstermin verschieben lässt) zu der Gruppe rätselhafter Young-Titel, denen tiefere Bedeutung zugesprochen wird, ohne dass sich so genau ermitteln ließe, worin diese liegen mag. Und „Goin’ Home“ gehört schon nach nur einer Tour im großkonzertverblödeten Nordameropa zu dem, was Bestand haben wird, wie nur eine Handvoll weiterer Preziosen aus Youngs riesigem Repertoire. In diversen Diskussionsforen der Neil- Young-Fans wurde der Erfolg von „Goin’ Home“ unter anderem damit begründet, dass man sozusagen alle möglichen Interpretationen an diesem Text anhängen könnte. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht…

In drei Strophengruppen entsteht mit „Goin’ Home“ eine Bilderserie, die dem verstehenden Zuhörer zahlreiche Möglichkeiten zur Assoziation und Deutung eröffnet. Erreicht wird dies mit einer merkwürdigen Einleitungsstrophe

On the hill, where Custer was,
Making his last stand,
With the Indians all around,
And his gun in his hand

Das unvollständig beschworene Bild von Custers letztem Gefecht reißt das Motiv nur kurz an und lässt offen, was ohnehin jeder zu wissen glaubt. Verführt von der eigenen Vorstellung lassen sich dann die weiteren Vierzeiler interpretieren als Momentaufnahmen eines Vertragsabschlusses zwischen einem modernen, aber naiven Stammesboss und gierigen Industriemanagern oder -politikern:

Dropping in on you my friend,
Is just like old times,
Said the fool who signed the paper,
To assorted slimes
It’s hard to get blood from a stone
But for you I’ll give it a try
To provide your accommodations
And leave you satisfied
You’d think it was easy
To give your life away.
To not have to live up to,
The promises you made.

Die Darstellung einer solchen Szene würde durchaus zu Neil Young passen, der in einer unveröffentlichten Fassung von „Crime in the City“ auch der Situation der Lakota einige Strophen gewidmet hat, die allerdings in der offiziellen Version unter den Tisch gefallen sind. Auch in diesem Titel spielt der schicksalhafte Moment einer Vertragsunterzeichnung eine gewisse Rolle.

In der Schlusssequenz des Lieds wechselt die Perspektive: Eine Frau rückt in den Blick und das eingangs evozierte Bild von den Indianern, die plötzlich bereit zum Kampf am Horizont erscheinen, schließt den Kreis.

She made a turn on a wooden bridge,
Into the battleground
With a thousand warriors on the ridge
She tried to turn her radio down.
Battle drums were pounding
All around her car
She saw her clothes were changing
Into sky and stars.

Strenggenommen ist die hier vorgestellte Assoziationskette natürlich nicht zulässig. Es fehlen immerhin drei der insgesamt neun Strophen, die dann auch nicht so recht in dieses Bilderpuzzle passen wollen. Ein Zusammenhang mit „Goin’ Home“, dem Titel des Lieds, der zugleich auch seinen Refrain bildet, wird ebenfalls außer Acht gelassen. Zu bedenken ist aber, dass Young nicht selten Lieder zu epischer Breite entwickelt, um sie dann wieder zurechtzustutzen. Insider kennen zum Beispiel „Road of Plenty“, das später unter dem Titel „Eldorado“ in wesentlich gekürzter Fassung eine pseudo-mexikanische Drogengeschichte erzählt. Die freie Anordnung von Strophen und Bildern zeigen auch weitere „Indianersongs“, z.B. das bisher unveröffentlichte „Hitchhiker“, das 1987 in einer veränderten Fassung unter dem Titel „Inca Queen“ erschien.

Indianer sind ein häufiges Motiv im Gesamtwerk Neil Youngs, dem man in alten Buffalo Springfield-Tagen das Image eines Indianers anhängen wollte. Youngs Sympathie und Engagement für Indianer sind seit Längerem bekannt. Seine patriotischen Wallungen mögen nicht jedem gefallen, genauso wenig wie seine Singstimme (siehe das Zitat von Bob Dylan zu Anfang). Youngs Position im kulturellen Binnenzusammenhang amerikanischer Indianerpolitik wird allemal vielsinnig deutlich.

Neil Youngs neue CD „Are you Passionate?“ ist seit einer Woche im Handel erhältlich.

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Dienstag, 28. Januar 2020 15:36:22 CET von oliver. (Version 3)

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