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Das Ende von Genf?

Gespräch zwischen Crespo Torral (Mitte) von der UNESCO und Vertretern der Ureinwohner (Foto Oliver Kluge 1998) von Oliver Kluge (veröffentlicht 3/1998)

Eine gut gemeinte Aktion kann auch nach hinten losgehen. Es gibt Pläne, die jährliche Sitzung der Working Group on Indigenous Peoples der UNO zumindest nächstes Jahr nicht in Genf, sondern in Paris bei der UNESCO stattfinden zu lassen.

Es war eine Idee der Saami, der Ureinwohner Nord-Skandinaviens, und von Mrs. Mary Robinson, Hochkommissarin für Menschenrechte der UNO. Ideen und Aktionen der beiden wurden bislang eigentlich von allen Beobachtern als durchdacht und konstruktiv eingestuft, aber diese neueste Idee paßt so gar nicht dazu.

Es gibt viele, sehr viele UNO-Organisationen und Behörden. Einige sind schon seit Jahren mit Eifer dabei, den Ureinwohnern zu helfen. Dazu gehören die Weltarbeitsorganisation ILO, die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Weltorganisation für das geistige Eigentum WIPO. Andere tun wenig oder gar nichts. Und da kam nun eine Idee, wie man eine der besonders wichtigen Organisationen zur besseren Zusammenarbeit bewegen könnte: Die UNESCO. Die »United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation« ist eine der größten überhaupt. Hilfe von der UNESCO könnte tatsächlich sehr viel ausmachen.

Doch so einfach ist die Zusammenarbeit nicht. Die UNESCO hat ihren Hauptsitz nicht in Genf, sondern in Paris. Es gibt zwar ein Büro in Genf, aber die Projektleiter pendeln nicht ständig zwischen Paris und Genf, so daß sie in der Regel nicht an den Sitzungen der Working Group teilnehmen (können). Wenn also die UNESCO nicht zur WGIP kommt, dann vielleicht die WGIP zur UNESCO, mag der Gedankengang gewesen sein. Es wurde der Vorschlag formuliert, zunächst einmalig im nächsten Jahr die WGIP in Paris in den Räumlichkeiten der UNESCO abzuhalten.

Mit Beginn der diesjährigen WGIP-Sitzung machte die Neuigkeit schnell die Runde, noch bevor sie offiziell vorgestellt war. In Stockholm war zwischen März und April auf einer UNESCO-Konferenz die Idee entstanden. Am dritten Tag der WGIP-Sitzung präsentierte Crespo Torral, der stellvertretende Generaldirektor der UNESCO Ideen und Programme der UNESCO zur UNO-Dekade der indigenen Völker.

Mittags kam es zwischen den Sitzungen zu einem direkten Gespräch zwischen Herrn Torral und Vertretern der Ureinwohner (siehe Bild). Diese äußerten vor allem Bedenken gegen den Plan der Verschiebung des Konferenzortes. Schon am Tag zuvor wurden in großer Runde die Argumente pro und (vor allem) contra gesammelt.

Julian Burger (Mitte rechts) diskutiert mit Vertretern der indigenen Völker (Foto Oliver Kluge 1998) Neben dem unbestrittenen Vorteil der besseren Kontaktaufnahme mit der UNESCO gibt es eine Reihe gewichtiger Nachteile. Das fängt schon mit den Teilnehmern der Konferenz an. Die Schweiz ist ein neutrales Land, während Frankreich zum einen EU-Mitglied ist und zum anderen auch noch das Schengener Abkommen unterzeichnet hat.

Viele der Ureinwohner reisen mit den Reisepässen ihrer indigenen Nationen, etwa die Mohawk. Die Schweiz akzeptiert Mohawk-Pässe, während die französischen Zöllner auf kanadischen Dokumenten bestehen könnten. Die Schweizer haben sich an derlei Vorkommnisse gewöhnt, doch es ist fraglich, ob sich französische Grenzbeamte ebenso gewöhnen dürfen: Das Schengener Abkommen zwingt Frankreich zur scharfen Sicherung der EU-Außengrenzen.

Für viele Ureinwohner ist schon Genf Kulturschock genug. Doch Genf ist eher winzig im Vergleich zur Mega-Metropole Paris, und in Genf kann man ohne Französischkenntnisse auch mit Englisch oder Spanisch über die Runden kommen - in Paris ist das schon schwieriger. Zudem ist der Aufenthalt in Paris erheblich teurer. Für die knappen Kassen insbesondere südamerikanischer Delegierter ist das ein K.o.-Kriterium. In Genf gibt es eine Sammelunterkunft, die von einem Verein gesponsert besonders preisgünstige Unterbringung gewährt. Doch in Paris gibt es derzeit keine Parallele zu Le Lignon. Nicht jeder Delegierte kann sich ein Hotel leisten.

Pierrette Birraux-Ziegler von DoCip berichtet (Foto Oliver Kluge 1998) Dazu kommt dann noch das in Jahrzehnten gewachsene Netz der europäischen Unterstützungsorganisationen, das sich auf Genf eingestellt hat, zum Teil ebendort seinen Sitz genommen hat. Da ist zum einen das Document Center for Indigenous Peoples in Genf. DoCip hat während der WGIP eigene Büros im UNO-Sitzungsgebäude und bietet Ureinwohnern Unterstützung in allen Bereichen - vom Fotokopierer bis zum Übersetzungsdienst.

Auch die »Unrepresented Peoples Organisation« UNPO hat viele Freiwillige in Genf. Einst als gewisser Gegenpol zur UNO gedacht, um den Nicht-Representierten, und dazu zählen auch die Ureinwohner, Stimme zu verleihen, arbeitet man heute miteinander. So gibt UNPO während der Sitzung mehrmals täglich brandaktuell den »UNPO-Monitor« heraus, der für alle Unterstützer in Genf, und auch für die BMAG, eine unersetzbare Arbeitserleichterung ist. Er ist ein nicht-offizielles Transskript aller Reden, die im Sitzungssaal gehalten werden.

Doch auch UNO-Kontakte sind gefährdet. Viele Vertreter der Ureinwohner nutzen die WGIP-Woche, um gleich mit ein- und derselben Reise auch noch die ILO, die WHO und die WIPO zu besuchen, oder die Sitzungen der Sub-Commission, dem der WGIP übergeordneten UNO-Gremium. All dies würde eine Verlegung des Tagungsortes aufs Spiel setzen. Und dann ist da noch die Befürchtung, die Nähe zur UNESCO-Konferenz über kulturelle Rechte könnte die WGIP abwerten.

Doch was die Indigenen vor allem auf die Palme bringt, ist die Tatsache, daß man sie nicht gefragt hat. Die eigentliche Aufgabe, der Kern der WGIP ist es ja, das den Indigenen endlich einmal zugehört werden soll. So ist natürlich jedes Jahr in Genf der Haupttenor, daß es nicht angehe, daß hinter dem Rücken der Leute entschieden wird. Und bei der erstbesten wichtigen Entscheidung ist es gerade die WGIP, welche die Indigenen nicht fragt, ob sie einverstanden sind.

Nach dem Protest der Ureinwohner war die Working Group denn auch schnell um Schadensbegrenzung bemüht. Einen Tag nach dem Gespräch zwischen Torral und indigenen Vertretern war es Julian Burger, der in offener Diskussion gleichzeitig die Idee verteidigte, aber auch deutlich machte, daß noch nichts entschieden sei. Gleichwohl fühlten sich einige von seiner Wortwahl unter Druck gesetzt.

Es bleibt zu hoffen, daß man sich die Idee mit Paris noch einmal gründlich durch den Kopf gehen läßt. Es wurden ja auch noch keine richtigen Alternativen durchdacht. Ein Vorschlag der BMAG zur Diskussion: Wie wäre es mit einem speziellen Reiseprogramm für UNESCO-Projektleiter, das es ihnen ermöglicht, in der letzten Juli-Woche (dem traditionellen Datum der WGIP) nach Genf zu reisen? Fern von den Ablenkungen ihres Tagesgeschäftes könnten sie sich so viel intensiver den Ureinwohnern widmen.

Erstellt von oliver. Letzte Änderung: Donnerstag, 27. Januar 2022 23:11:49 CET von oliver. (Version 4)

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