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500 verschwundene Frauen

Missing & Murdered
Gewalt gegen indigene Frauen in Kanada

Tamara Chipman ist eines der jüngsten Opfer einer langen Serie von Gewalt gegen indigene Frauen in Kanada. Seit dem 21. November 2005 fehlt von ihr jede Spur. Ein Jahr nach der Veröffentlichung des umfassenden Berichts „Stolen Sisters: A Human Rights Response to Discrimination and Violence Against Indigenous Women“ von Amnesty International im Oktober 2004 hat sich an der bestürzenden Situation der Indianerinnen nichts geändert. Die Polizei bleibt häufig untätig, die Politik fühlt sich im Regelfall nicht zuständig und die Öffentlichkeit nimmt kaum Notiz von einer Katastrophe, die sich in der Mitte der Gesellschaft abspielt, aber nur am Rande wahrgenommen wird. Im März 2004 startete die Native Women’s Association of Canada (NWAC), die sich 1974 als Zusammenschluss zahlreicher indigener Frauenorganisationen gründete, ihre Kampagne „Sisters in Spirit“, um die Politik endlich zum Handeln zu bewegen und auf die doppelte Diskriminierung der Indianerinnen aufmerksam zu machen – als Frauen und als Indigene.

500 Indianerinnen vermisst oder ermordet

Mindestens 500 indigene Frauen verschwanden nach Angaben der NWAC spurlos in den letzten 20 Jahren in ganz Kanada, viele davon wahrscheinlich ermordet. Die Organisation rechnet zudem mit einer noch höheren Dunkelziffer, denn viele Frauen werden – aus unterschiedlichen Gründen – nicht einmal als vermisst gemeldet.
Tamara Chipman, eine 22-jährige Salish-Indianerin, wurde zuletzt am 21. November 2005 in Prince Rupert in der kanadischen Provinz British Columbia gesehen, wo der Vater ihres kleinen Sohns lebt. Auf dem Highway 16 wollte sie nach Hause ins rund 130 km entfernte Örtchen Terrace trampen, wo sie ihren Sohn in der Obhut ihrer Familie zurückgelassen hatte, doch sie kam nie an. Obwohl ihr Sohn noch kaum laufen kann, war sie häufig unterwegs und trieb sich nicht selten in den diversen Kneipen der Küstenstadt herum, so dass ihr Verschwinden erst zwei Wochen später offiziell gemeldet wurde. Sowohl die Polizei als auch ihre Familie suchten jeden Abschnitt des Highways ab, befragten Freunde und Verwandte – doch ohne Erfolg.
Allein in British Columbia sind derzeit 33 Frauen offiziell als vermisst gemeldet, von denen nur eine einzige nicht indigener Abstammung ist. Die meisten Opfer verschwanden entlang des Highway 16, der sich im Nordwesten der Provinz, fast schon an der Grenze zu Alaska, von Prince Rupert ins Landesinnere zieht – als „Highway of Tears“ hat er inzwischen traurige Berühmtheit erlangt.

Opfer der Gesellschaft

Früher wäre ihr Verschwinden kaum eine Notiz im Provinzblatt wert gewesen, doch seit der Kampagne „Sisters in Spirit“ fürchtet das offizielle Kanada um sein Image. Gewalt und rätselhafte Frauenmorde, vor allem unter den Indigenen und Ärmsten, mögen bisher die Schlagzeilen in Mexikos Grenzstadt Ciudad Juarez oder in Guatemala prägen, doch im „zivilisierten“ Kanada sind sie ein dunkler Schandfleck der kolonialen Vergangenheit.
Der Begriff der „geraubten Schwestern“ umfasst wesentlich weitere Bereiche als nur die verschwundenen und höchstwahrscheinlich ermordeten Indianerinnen in Kanada, Mexiko oder Guatemala, denn die Verhältnisse, unter denen Frauen in aller Welt leben, sind sich viel ähnlicher, als der erste Anschein vermuten lässt. „Demographically missing“ bezeichnen die Vereinten Nationen einen Euphemismus, mit dem das „Fehlen“ von rund 100 Millionen Frauen und Mädchen weltweit bezeichnet wird. Im Regelfall werden im Gegengewicht zu 103 neugeborenen Jungen 100 Mädchen geboren, doch religiöse und gesellschaftliche Diskriminierung hat längst zu einer systematischen Zerstörung des biologischen Gleichgewichts geführt. Mädchen und Frauen gelten als minderwertig und damit nicht lebenswert. In vielen Ländern der Erde ist allein männlicher Nachwuchs erwünscht und die pränatale Diagnostik wurde missbraucht, um das gezielte Töten weiblicher Föten zu ermöglichen. Allein 5.000 Mädchen und Frauen sterben jährlich bei „Haushaltsunfällen“, weil ihre Mitgift von der Familie ihres Mannes als zu niedrig beurteilt wurde. Hinzu kommen die Opfer häuslicher Gewalt oder vermeintlicher „Ehrenmorde“ – eine endlose Schreckensliste, die in den Ergebnissen einer UN-Studie mit dem Titel „Women in an Insecure World“, die im Auftrag des Geneva Centre for he Democratic Control of Armed Forces im September 2005 vorgelegt wurde, aufgelistet wird. Inhaltlich befasst sich die umfangreiche Untersuchung nicht nur mit den Folgen bewaffneter Konflikte, wie der Titel vermuten lassen mag, sondern mit der systematischen Diskriminierung von Frauen und ihren katastrophalen Lebensbedingungen.
„Frauen bilden weltweit die größte Bevölkerungsgruppe, die systematischer und anhaltender Gewalt ausgesetzt ist. Sie fallen nicht nur Konflikten und Kriegen zum Opfer, sondern der alltäglichen Gewalt in der Gesellschaft. Die Ursachen sind komplex und lassen sich doch auf einen Kern reduzieren: Frauen und Mädchen gelten als weniger wert als Männer, ihre Würde und ihre Leben werden nicht respektiert oder als schützenswert erachtet“, fasst die Einleitung die traurige Botschaft der Studie zusammen. Der Bericht, den Wissenschaftler, Menschenrechtsexperten sowie Vertreter von internationalen Organisationen und NGOs gemeinsam erarbeitet haben, untersucht die Gründe und Erscheinungsformen von Gewalt gegen Frauen, sowohl in bewaffneten Konflikten als auch im gesellschaftlichen Leben jenseits von Kriegen.

Guter Wille statt Taten

Einige konkrete Ergebnisse verdeutlichen die Situation der Frauen und bilden damit den Rahmen für die Gewalt gegen die „Stolen Sisters“ in Kanada. Weltweit wird jede sechste Frau Opfer einer versuchten oder tatsächlichen Vergewaltigung (in Mexiko: 42%!), zudem werden jedes Jahr zwischen 700.000 und zwei Millionen Frauen und Mädchen in die Prostitution gezwungen. Selbst in Deutschland wird jede vierte Frau Opfer häuslicher Gewalt.
Die Annahme der UN-Konvention zur Abschaffung aller Formen der Diskriminierung gegen Frauen 1979, die bis heute 180 Staaten unterzeichnet haben, wurde als Meilenstein gefeiert, doch allein die Zahl von jährlich drei Millionen Genitalverstümmelungen lässt das Lippenbekenntnis für die Achtung der Frauen als Hohn erscheinen. Kanada, das sich sonst auf der internationalen Bühne als Vorreiter der Menschenrechte gebärdet, hat diese einzige Konvention zum Schutz der Frauen bis heute nicht unterzeichnet!
Eine Regierungskommission bestätigte inzwischen die Vorwürfe zahlreicher Organisationen, die seit langem auf die Diskriminierungen gegen Indianer und insbesondere Indianerinnen hingewiesen hatten. Proteste gegen die Vorfälle und die Gleichgültigkeit der Behörden erhoben nicht nur indianische Organisationen und die Betroffenen, sondern auch Menschenrechts- und Frauenorganisationen im ganzen Land. In einem umfassenden Bericht vom Dezember 2002 an den Special Rapporteur der Vereinten Nationen legte die Organisation Native Women’s Association of Canada (NWAC) zahlreiche Fälle dar und belegte die systematische Diskriminierung durch das kanadische Justizsystem und die Behörden. Wiederholte Forderungen an die Verantwortlichen zeigten bislang wenig Wirkung.

„Nur eine Indianerin!“

„Helen Betty Osborne wäre vielleicht noch am Leben, wenn sie keine Indianerin gewesen wäre“, erklärte der Richter im Verfahren gegen ihre vier Vergewaltiger und Mörder, „doch ihre Peiniger glaubten, dass junge Indianerinnen nur Objekte seien, zu nichts anderem Nutze als dem reinen Lustgewinn.“
Das Schicksal Helen Betty Osbornes steht beispielhaft für viele der ermordeten Indianerinnen. Die fröhliche 19-jährige Cree, die ursprünglich aus dem Norway House Indian Reserve stammte, wollte nach ihrem Studium einmal Lehrerin werden. Aber an dem kalten Samstagmorgen in The Pas im kanadischen Manitoba wollte sie einfach nur nach Hause, denn der eisige Wind pfiff schneidend durch die Straßen. Am 13. November 1971 lief sie gerade die Third Street entlang, als ein Wagen mit vier jungen Männern neben ihr anhielt. Dwayne Johnston, James Houghton, Lee Colgan und Norman Manger hatten schon einiges getrunken - vor allem Wein, den sie zuvor in einem Schnapsladen gestohlen hatten. Als sie die junge Frau sahen, stieg Houghton auf die Bremse und Johnston sprang aus dem Wagen, um Helen zu überreden, sie auf eine Party zu begleiten. Die vier angerunkenen Männer wirkten auf Helen wenig einladend und sie lehnte rundweg ab, denn sie wolle nach Hause. Doch Johnston blieb hartnäckig und redete weiter auf sie ein. Als sie gerade weitergehen wollte, packte Johnston sie an der Schulter und zerrte sie ins Auto, das sofort losfuhr. Helen schrie und versuchte sich zu befreien, doch gegen vier kräftige Männer hatte sie keine Chance.
Im Auto rissen sie ihr die Kleider vom Leib und vergewaltigten sie. Schließlich brachten sie Helen an den Clearwater Lake. Nackt und panisch vor Angst wollte sie davonrennen, doch die Männer packten sie und schlugen wild auf sie ein. Johnston griff nach einem Schraubenzieher. Mit 50 Einstichen im Leib und gräßlich entstelltem Gesicht ließen sie Helens Leiche am Seeufer zurück und kehrten getrennten Weges in die Stadt zurück.
Helens Tod erlangte traurige Berühmtheit, denn die Täter wurden erst 16 Jahre später zur Rechenschaft gezogen. Im Dezember 1987 wurde Johnston wegen Mordes verurteilt, Houghton freigesprochen, Colgan erhielt Straffreiheit als Zeuge und gegen Manger wurde niemals Anklage erhoben. Gleichgültigkeit der Behörden und der Justiz waren der Grund für diesen späten Prozess. Schon kurz nach der Tat wiesen die ersten Indizien auf die Täter, doch die Polizei ermittelte erst im Reservat und gab dann alle Nachforschungen auf.
So bestürzend das Schicksal von Helen Betty Osborne ist, zeigt sich dahinter ein System von Diskriminierung, das eine erschreckende Allianz zwischen Sexismus und Rassismus eingeht. Wäre Helen keine Cree gewesen, hätten die Behörden schon zu Beginn ihre Nachforschungen intensiver betrieben. 1997 wurde Johnston auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen.

Verhängnisvolles Erbe der Kolonialisierung

Gewalt gegen Frauen, insbesondere gegen indigene Frauen, wird häufig als soziales oder Kriminalitätsproblem betrachtet, doch die anhaltende Diskriminierung und Gewalt gegen Indigene ist keine Frage der Kriminalitätsstatistik. Vielmehr erfordert die Situation eine Neupositionierung innerhalb unserer Gesellschaft, wie ernst wir das Bekenntnis zu Menschenrechten und ihrem Schutz nehmen. Die wichtigsten internationalen Menschenrechtsvereinbarungen, soweit sie Kanada unterzeichnet hat – und das trifft auf alle außer der bereits erwähnten Konvention gegen die Diskriminierung der Frauen zu – können offensichtlich das Leben der indigenen Frauen nicht im ausreichenden Maß schützen. Daher ist es nahe liegend zu untersuchen, ob die Leerstelle im Menschenrechtsschutz nicht vielmehr im System der kanadischen Verfassung und Gesellschaft selbst zu finden ist.
Die UN-Konvention definiert Gewalt gegen Frauen u.a. als „Manifestation einer historisch ungleichen Machtverteilung zwischen Männern und Frauen hinsichtlich Reichtum, sozialem Status und Zugang zur Entscheidungsgewalt“. Hier zeigt sich in besonderem Maß das verhängnisvolle Erbe der Kolonialisierung, das den indigenen Gesellschaften des heutigen Kanada ein System der Frauendiskriminierung aufzwang, welches diesen bis dahin fremd war. In den indigenen Kulturen gab es – obschon die Rollen und Aufgaben verschieden zugewiesen waren – kein Konzept der Minderwertigkeit der Frauen, das ihnen Untertänigkeit unter die Herrschaft des Mannes abverlangte.
Ein klassisches Beispiel der extremen Unterschiede zwischen den christlichen Kolonisatoren und den indigenen Gesellschaften sind die Mohawk, die über ein äußerst komplexes und ausgewogenes Gefüge der Machtverteilung verfügten. Zwar stellten bei ihnen die Männer die Chiefs, aber diese wurden von den Frauen ausgewählt und kontrolliert. Wichtiger Faktor war hierbei zugleich die matrilinear definierte Abstammung und Clanzugehörigkeit, welche den Frauen eine wichtige Position innerhalb der Clans und hinsichtlich der eignen Autonomie garantierte. Den Frauen kam die Rolle als Hüter der Kultur zu, die über die wesentlichen Regeln des Zusammenlebens zu bestimmen hatten. Zudem nahmen sie gleichberechtigt an Spielen, Zeremonien oder politischen Entscheidungen teil. Zur gleichen Zeit konnten die Frauen im kanadischen Mutterland England weder wählen noch Verträge unterschreiben oder über eigenes Eigentum verfügen.
Auch die Kultur der Cree oder Ojibway wies den Frauen einen besonderen Rang zu, denn in ihrer Mythologie war es eine Frau (Nokomis), die durch ein Loch im Himmel auf die Erde kam, um diese zu hüten. Die Lakota verehren White Buffalo Calf Woman, die ihnen die heilige Pfeife brachte.

Kanadische Gesetzgebung als systematische Diskriminierung

Die Royal Commission on Aboriginal Peoples beschrieb 1996 die kanadische Gesetzgebung, namentlich den Indian Act, als „offenen Angriff auf das Gesellschaftskonzept der indianischen Nationen und auf die individuelle Identität der Indigenen“. Durch das Vordringen der Weißen – ob als Missionare, Händler oder später Regierungsbeamte – wurde das System des indigenen Gleichgewichts der Geschlechter systematisch zerstört. Durch die politischen und ökonomischen Veränderungen übernahmen die indianischen Männer das Konzept der Überlegenheit, das den Frauen lediglich die Rolle eines vom Mann abhängigen Mündels zuwies. Bereits in der frühen Gesetzgebung wurde diese Machtverschiebung festgeschrieben und konnte erst im 20. Jahrhundert teilweise korrigiert werden.
Das kanadische System schuf nicht allein die absurde Unterscheidung in Status- und nicht-Status-Indianer, sondern unterwarf die Indigenen zugleich dem bis heute gültigen Verwaltungssystem in Bands und Räten, deren Vorsitz heute fast ausschließlich in den Händen der Männer liegt.1857 wurde gesetzlich verfügt, dass Männer ihren Status als Indigene aufgeben und das Reservat verlassen konnten, um sich in der weißen Gesellschaft zu assimilieren. Den Frauen hingegen blieb eine Entscheidung verwehrt, denn sie wurden lediglich nach dem Status ihres Mannes definiert. 1869 schließlich beraubte das Gesetz sie ihrer Ansprüche als Status-Indianerin, sofern sie einen Weißen oder einen Indianer aus einem anderen Stamm heirateten.
Gleichzeitig wurden mit der weißen dominanten Gesellschaftsform nicht nur die Geschlechterverhältnisse der indigenen Gesellschaften zerstört, sondern die Einführung der Residential Schools in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts hatte die gesamte indigene Kultur zum Angriffsziel. Die Kinder wurden ihren Familien entrissen und der eigenen Kultur, Religion, Sprache und Identität beraubt. Das rigorose Erziehungssystem, unter dem noch heute viele Indigene in Kanada leiden, zeigt nachhaltige verheerende Auswirkungen. Die Erfahrungen von Diskriminierung, Gewalt und Missbrauch wurden lange in der Öffentlichkeit verschwiegen – auch von den Opfern selbst, denn sie litten und leiden unter Scham und dem in den weißen Erziehungsanstalten eingeprügelten Selbsthass.

Grausamer Alltag

Frauen sind das einfachste Opfer, an dem sich dieser Selbsthass ein Ventil suchen kann. Während 10% der kanadischen Frauen Opfer von Missbrauch oder Gewalt durch ihren Partner werden, müssen 80% der indigenen Frauen familiäre Gewalt erfahren. Auch indigene Männer erliegen dem Klischee, das ihnen die dominante Kultur und die Massenmedien vermittelt haben, und in den Western waren es stets die blutrünstigen Wilden, die sich die willenlosen Squaws geraubt und ins Zelt geholt haben. Wenn die Familien ihre Identität und auch die Alten ihren Einfluss verloren haben, gibt es wenig Möglichkeiten, ihnen ein anderes Bild der eigenen Kultur zu vermitteln. Stattdessen setzt sich eine Spirale der Gewalt in Gang, die Opfer selbst zu Tätern werden lässt.
Die vielfach bestürzenden Verhältnisse in den indigenen Gemeinden lassen sich nicht beschönigen, doch die Ursachen hierfür müssen ebenso klar benannt werden. Bereits 1991 schilderte der Report der Aboriginal Justice Inquiry of Manitoba das erschreckende Ausmaß der indigenen Lebensbedingungen. Indigene Frauen sind häufig Opfer von Gewalt, aber in vielen Fällen auch Täterinnen. Die meisten Insassinnen des einzigen Frauengefängnisses in Manitoba, der Portage Correctional Institution, waren Indigene. Obwohl sie nur 3% der kanadischen Bevölkerung bilden, waren 85 % der Inhaftierten 1988 Indigene – Tendenz steigend. Dies hat verschiedene Ursachen: u.a. Rassismus der Gerichte, mangelnde Rechtsvertretung durch schlecht ausgebildete oder desinteressierte Anwälte, unzureichendes Verständnis der Sprache oder des Gerichtssystems. Viele indigene Frauen können sich zudem die Bezahlung von Bußgeldern nicht leisten und müssen ihre Strafe daher absitzen. Das besondere Problem für sie besteht darin, dass sie mit ihrer Situation völlig allein gelassen werden. Aus der ganzen Provinz werden die Frauen hier inhaftiert, d.h. sie werden von ihren Familien und Kindern getrennt, können keine soziale oder emotionale Unterstützung durch die eigene Gemeinde erfahren und bleiben mit ihren Problemen, ihren Ängsten und auch ihrer eigenen Gewalt ohne jede Hilfe.
Gewalttaten spielen bei den inhaftierten Indigenen eine große Rolle – eine Untersuchung im Kingston Penitentiary ergab, dass fast drei Viertel der indigenen weiblichen Häftlinge wegen Gewaltdelikten wie Körperverletzung, Totschlag oder Mord einsaßen, während die Zahl bei den nicht Indigenen die Zahl bei 30% deutlich niedriger lag. Viele Indigene – Frauen wie Männer – haben nie die Erziehung und Unterstützung erfahren, wie sie mit ihren Emotionen umzugehen haben. Indigene Frauen, die von ihren Männern physisch oder sexuell missbraucht werden, haben keine Anlaufstelle, wo sie Schutz finden können. Die kanadische Regierung zahlt den Indigenen Almosen, die meist nicht einmal den täglichen Lebensbedarf decken. Frauenhäuser sind in den entlegenen Reservationen, die kaum soziale Dienste zu finanzieren in der Lage sind, ein Luxus, den sich die Bands nicht leisten können. Frauen, die häusliche Gewalt erleiden, sehen wenig Sinn darin, die Polizei zu verständigen, denn bis die Behörden vor Ort sind, kann viel Zeit vergehen. Ihnen bleibt häufig keine andere Wahl, als mit ihren Kindern das Reservat zu verlassen, doch in den Städten erwartet sie oft nur weiteres Elend.

Verhängnisvolle Versäumnisse

Die Verantwortlichen in Provinz- und Bundesbehörden ignorieren die Situation und ergreifen höchstens kurzfristige Maßnahmen, wenn sie durch Schlagzeilen in der Presse gezwungen werden. Doch selbst nach Selbstmorden in indigenen Gemeinden oder Umweltkatastrophen hält die Aufmerksamkeitsspanne der offiziellen Seite nur so lange wie die Medien vor Ort sind.
Um es noch einmal zu verdeutlichen: die Probleme, u.a. die Gewalt, mit denen die Indigenen in und außerhalb der Reservate zu kämpfen haben, begründen sich in dem kanadischen System, das den Indigenen nicht nur das Land geraubt hat, das ihnen ein autonomes Überleben ermöglichen würde, und das bis heute versucht, ihre Würde und Identität zu zerstören. Kanada hat „mit gutem Grund“ die Konvention gegen die Gewalt gegen Frauen nicht unterzeichnet, denn die eigene Verfassung steht in krassem Widerspruch zu den Grundsätzen der Menschenrechte, wenn sie den indigenen die ihnen zustehenden Rechte und den angemessenen Schutz verweigert. Art. 1 der Konvention bezeichnet die Diskriminierung der Frau, wenn „die auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau gegründete Anerkennung, Inanspruchnahme oder Ausübung der Menschenrechte und Grundfreiheiten durch die Frau – ungeachtet ihres Familienstands – im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, staatbürgerlichen oder jedem sonstigen bereich beeinträchtigt oder vereitelt wird.“ Der Indian Act, der die indigenen Frauen ihres Status beraubte, sofern sie den „falschen Mann“ heirateten, war lange ein Instrument zur Diskriminierung und Unterdrückung der Frauen. Nach langem Bemühen konnte erst 1985 eine Ergänzung, Bill C-31, durchgesetzt werden, die das Gesetz zum Teil revidiert, aber nicht gänzlich aufhebt. Demnach konnten die indigenen Frauen, die ihren Status aufgrund der vorherigen Gesetzgebung verloren hatten, zwar wieder erlangen, aber nicht ihre Kinder! Diese konnten nur dann selbst den Anspruch auf Status erheben, wenn der Vater ebenfalls indigener Abstammung ist. Damit wird die Diskriminierung in eklatanter Weise fortgesetzt. Dieses Gesetz ist bis heute in Kraft.
Es kann wenig überraschen, dass indigene Frauen nicht den gebührenden Respekt in der Gesellschaft erfahren, wenn nicht einmal das Gesetz ihre Rechte achtet. Indigene Frauen werden als Frauen und als Indigene doppelt diskriminiert.

Kein Recht auf Würde?

Das jüngste Opfer der Gewaltserie, Tamara Chipman, war wahrscheinlich keine vorbildliche Mutter – sie ging in Kneipen, sie ließ ihren Sohn bei ihren Eltern, trank wahrscheinlich und vieles mehr. Dies zumindest ist ein Bild, das gerne von Opfern von Vergewaltigung oder sexuellem Missbrauch gezeichnet wird. Frauen, die nicht unterwürfig den gesellschaftlichen Normen folgen, gelten selbst als verantwortlich für das, was ihnen widerfährt. Die meisten der indigenen Frauen, die in jüngster Zeit ermordet wurden – Sarah de Vries (6. August 1998 in Saskatchewan tot aufgefunden), Cynthia Sanderson (30.08.2002), Maxine Walpass (06.02.2003), Felicia Solomon (Teile der Leiche am 16. Juni 2004 gefunden), Moira Erb (17. September 2003) – hatten Alkohol- oder Drogenprobleme, manche verdienten ihr Geld mit Prostitution. In den meisten Fällen blieb die Polizei untätig, nachdem ihnen das Verschwinden mitgeteilt wurde, und verwies auf den Lebenswandel, der Frauen, die eben „mal hier, mal dort“ anzutreffen seien. Drogenabhängige und Prostituierte indigener Abstammung waren ihnen keinen besonderen Einsatz wert. Indigene Frauen scheinen ein perfektes Opfer, denn die Gesellschaft hat lange zu den „Stolen Sisters“ geschwiegen.
Leider sind die indigenen Frauen in Kanada kein Einzelfall. Seit Jahren beschäftigen sich Menschenrechtler mit den unzähligen Frauenmorden in Ciudad Juarez in Mexiko, an der Grenze zu den USA. Auch hier sind die Opfer Mädchen aus den ärmsten Schichten, um deren Schutz sich weder Gesellschaft noch Polizei oder Politik ernsthaft zu sorgen scheinen. Seit Jahren verschwinden hier junge Frauen und Mädchen, meist zwischen 13 und 20 Jahren, oder werden ermordet. Die Betroffenen sprechen von einigen tausend, eine genaue Zahl kennt keiner, doch allein in diesem Jahr wurden 166 Leichen gefunden. Die genauen Umstände und Gründe scheinen im Dunkeln zu liegen, doch Polizei und Behörden stecken gemeinsam in einem Sumpf von Korruption, Unfähigkeit und Desinteresse. Bislang haben die Behörden keine substantiellen Maßnahmen ergriffen, um das Morden zu beenden.
In Guatemala ist Frauenmord alltäglich: allein dieses Jahr wurden 600 ermordet. Auch hier scheinen Behörden und Polizei in die schrecklichen Taten verwickelt, wie die Nachforschungen von Menschenrechtsgruppen ergeben haben. Die Polizei hat eine eigene Abteilung für die Frauenmorde eingerichtet – 0% Aufklärungsquote. Für die Behörden sind die Opfer alle Mitglieder von Drogenbanden oder Prostituierte.

„Sisters in Spirit“-Kampagne
Geschichten aus der dritten Welt? Mitnichten, denn die „Stolen Sisters“ in Kanada sind Alltag in einem reichen, demokratischen Land, das über ein funktionierendes Polizei- und Justizsystem verfügt. Wie konnte es sein, dass hier die Behörden so lange geschwiegen haben? Dem Bericht von Amnesty International war die von der NWAC im März 2004 initiierte Kampagne „Sisters in Spirit“ vorausgegangen, für die der Coast Salish-Künstler Dick Baker das Motiv des Kwakiutl Monds aufgegriffen und ein entsprechendes Design entworfen hat, das sogar inzwischen als Mahnmal in Vancouver aufgestellt wurde. In der Mythologie spielt „Großmutter Mond“ eine besondere Rolle als Vermittlerin der Stärke und Weisheit, die den Menschen zum Licht der Erkenntnis führt.
„Sisters in Spirit“ wird von vielen indigenen und Menschenrechtsorganisationen national und international unterstützt und mitgetragen. Selbst der Special-Rapporteur der Vereinten Nationen, Rudolfo Stavenhagen, mahnte auf seiner Kanada-Reise zu den verschiedenen indianischen Nationen vom 21. Mai bis 4. Juni 2004 hier dringenden Handlungsbedarf von Seiten der Regierung an. Die derzeitige Regelung, wie sie im Zusatzgesetz des Indian Act, C-31, festgelegt ist, sei ein unhaltbarer Verstoß gegen die indigenen Rechte, so Stavenhagen. Nach seinem Treffen mit der NWAC forderte er den Gesetzgeber auf, den Rechten der indigenen Frauen in vollem Umfang zur Geltung zu verhelfen, was auch die Frage matrilinearen Eigentums betrifft. In seinem Bericht vor den Vereinten Nationen verwies Stavenhagen zudem explizit auf das Problem der „Stolen Sisters“ und verlangte umfassende sofortige Maßnahmen.
Trotz eindringlicher Appelle ließ die Reaktion der kanadischen Regierung lange auf sich warten. Zwar hatte sich Kanadas Premier Paul Martin zum Auftakt der Kampagne mit NWAC-Präsidentin Terri Brown im Frühjahr 2004 getroffen, doch auf ihre Forderung nach Hilfsprogrammen für die Frauen in Höhe von zehn Millionen Dollar folgte zunächst keine Reaktion. Erneut versprach die Regierung Maßnahmen und eine Untersuchung der Vorfälle, als ihr im Oktober 2004 der Amnesty-Bericht überreicht wurde, doch den Worten folgten keine Taten. Erst im Mai 2005 verkündete die Regierung, sie werde die Arbeit der NWAC unterstützen, allerdings nur mit der Hälfte des geforderten Betrags, und benötigte dann nochmals sechs Monate, bis schließlich im November 2005 die NWAC den Eingang der Finanzierungshilfen bestätigen konnte.
Monika Seiller







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