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Indianer in den USA

Indianer in den USA zwischen dem Ende der Indianerkriege und heute
Von Bernd Wegener

Wir alle wissen, dass die Zeit des großen Sparens angebrochen ist – Unternehmen sparen sich Mitarbeiter, Verlage sparen sich Lektoren und Autoren sparen manchmal an der nötigen Sorgfalt.

Wie in anderen „Szenen“, gibt es auch innerhalb der Unterstützergemeinde eine gewisse Beißhemmung. Wer sich jahrelang für die Rechte anderer Völker einsetzt, kennt den mühevollen Alltag ehrenamtlichen Engagements und möchte nur ungern, die engagierte Arbeit eines Autors leichtfertig kritisieren. Also berichten wir zunächst das Positive.

Bernd Wegener hat mit seinem Buch Indianer in den USA zwischen dem Ende der Indianerkriege und heute ein umfassendes Werk vorgelegt, das sich im hinteren Teil lohnenswerter Weise vor allem der Situation der Indianer in der Gegenwart zuwendet. Besonders erwähnens- und lobenswert finde ich die Aufmerksamkeit für ein Thema, das in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt geblieben ist – die Zwangssterilisation von Indianerinnen im 20. Jahrhundert.

Das Buch spannt den Bogen von der Unterwerfung der indianischen Völker in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts über die wechselhafte Regierungspolitik zwischen „Indian Reorganization“ und „Termination“ bis in unsere Tage. In geographischen Zusammenhängen schreitet er mehr oder weniger chronologisch voran, wobei sich gewisse räumliche und zeitliche Sprünge bzw. Wiederholungen nicht gänzlich vermeiden lassen. Die Eroberung des Westens wird dabei ebenso behandelt, wie das Vordringen der Eisenbahn und die mit der Ausdehnung des american way of life verbundene Vernichtungsstrategie gegenüber den Indianern – sowohl aus ideologischen als auch ökonomischen Interessen. Parallel hierzu werden die Reaktionen der Native Americans zwischen kriegerischem Widerstand, Aufgabe und Rückzug ins Reservat sowie versuchter Rückbesinnung auf die eigene Kultur erörtert.

Nach den Kapiteln zur Entstehung und den ersten Aktionen des American Indian Movement, der Besetzung von Alcatraz und Wounded Knee, sowie zum Fall Peltier ebnet der Abschnitt Hoffnung? den Übergang in die Gegenwart ein. Die Hoffnung besteht in einem neuen Bewusstsein der indigenen Völker selbst, wie auch der international gewachsenen Unterstützung für ihre Rechte. Ins Zentrum rückt dabei eine Vielzahl aktueller Themen, die auch uns im Coyote seit Jahren beschäftigen bzw. in die wir in der Unterstützungsarbeit involviert waren und sind. Ob bei den Chippewa, den Blackfeet, den Navajo, den Lakota oder den Chippewa – meist geht es um Rohstoffe, deren Ausbeutung die Indianer im Wege stehen. Dies bedeutet für die indigenen Völker nach wie vor einen harten Kampf um ihr Land und ihre Selbstbestimmung, doch nicht alle Schlachten sind vergebens.

Wegener hat eine Fülle an Zahlen und Fakten verarbeitet und lässt an seiner Leidenschaft für die Sache der indigenen Völker keinen Zweifel aufkommen, doch um so betrüblicher ist es, dass er an zahlreichen Stellen die gebotene Sorgfalt vermissen lässt – und dies bezieht sich ausgerechnet meist auf indianische Namen oder Termini. Wiederholt schrickt das Auge beim fehlenden „e“ beim Begriff „Nativ“ (S. 13, S. 87 etc.) zusammen. Häuptling „Quanah“ wird fluchs in „Ounah“ (u.a. S. 16) umgetauft, und das nicht nur einmal. Bei „Red Claud“ (u.a. S. 49) war wohl die deutsche Aussprache im Wege, Dull Knife ist plötzlich mit einer „Bande“ unterwegs und mehrmals rotten sich „Indianerbanden“ (u.a. S. 48) zusammen. Dass der ums „h“ betrogene „Gostdance“ zum „Tanz der Phantome“ mutiert, spielt dann fast schon keine Rolle mehr. Es geht hier wohlgemerkt nicht um Tippfehler, vor denen wir alle nicht gefeit sind, sondern die falsche Schreibweise hat beinahe System, denn im fließenden Text gibt es keine dieser Rechtschreib- oder Tippfehler. Aber wie ist zu verstehen, dass die amerikanischen Präsidenten plötzlich als „Trumen“ (u.a. S. 109) oder „Reagen“ durch den Text tanzen und die armen Inuit grundsätzlich als „Innuit“ auftauchen. Seit Jahren bemühen wir uns, den Leuten zu erklären, dass es sich bei den Inuit und denn Innu um eigenständige indianische Völker handelt. Wenn „Danis“ Banks zwei Zeilen weiter als „Dannis“ auftaucht, sei dies noch verziehen, doch wenn von der „Working Group on Indigenous Affairs“ die Rede ist, dann muss man sich die Frage stellen, ob dem Autor der erbitterte Kampf um den Namen der Arbeitsgruppe eigentlich völlig entgangen ist. Seit Jahren beharren die indigenen Völker aus aller Welt, die jährlich zur Sitzung der Arbeitsgruppe nach Genf kommen, auf dem Begriff Peoples, der ihr Recht auf Anerkennung als souveräne Völker unterstreicht. „Affairs“ hier ins Spiel zu bringen, ist ja noch unverbindlicher als der offizielle begriff „Populations“. Ich will hier nicht die Kleinkrämerseele nach außen kehren, aber zwei Formulierungen müssen noch erwähnt werden. Wiederholt ist vom „Tribus“ (u.a. S. 147) die Rede, wo wohl Tribes, also Stämme gemeint sind. Nun ist aber „Tribus“ ein Begriff in der Systematik der Biologie, der eine Rangordnung oberhalb von Gattung und unterhalb von Unterfamilie bezeichnet. Mit Gattungs- und Rangordnungsbegriffen möchte ich die indigenen Völker nun doch nicht bezeichnet wissen. Leider völlig daneben gegriffen ist auch die Nennung des „Bill Daves Act“, der suggeriert, der Urheber des General Allotment Act hieße Bill mit Vor- und Daves mit Nachnamen. Stellen wir mal richtig: bill ist das englische Wort für eine Gesetzesvorlage, die dank des unrühmlichen Engagements des Senators und Vorsitzenden des Senate Select Committee on Indian Affairs, Henry Laurens Dawes, Gesetz wurde.

Bedauerlicherweise muss ich meiner Litanei noch einige Punkte hinzufügen. Das Literaturverzeichnis weist mit einigen Überraschungen wie dem Marco Polo Reiseführer auf, beschränkt sich aber ansonsten vorwiegend auf Artikel der Zeitschrift Progrom. Nun sicherlich fanden sich in der Vergangenheit zahlreiche interessante Artikel zu den Indianern in der Zeitschrift, aber wie kann sich andererseits erklären, dass im Text der Autor Gert Hensel, der mit Strahlende Opfer ein wichtiges und sachkundiges Buch zum Thema Uran verfasst hat, das ganz offensichtlich auch im vorliegenden Text Spuren hinterlassen hat, zwar auf Seite 137 genannt wird, im Literaturverzeichnis aber vergeblich zu suchen ist. Auch der Verweis auf die Untersuchungen von Grimes (S. 210) zum Aussterben der indianischen Sprachen bleibt ohne Entsprechung im Literaturverzeichnis. Das ausufernde Zitieren der Zeitschrift Globus, die dem Autor wohl als einzige Quelle des 19. Jahrhunderts zur Verfügung stand sei schon fast geschenkt, doch ein vier Seiten langer Nachdruck aus der Zeitschrift für Sozialwissenschaft, vermutlich aus dem Jahrgang 1910 erweist sich doch als Prüfung der Geduld.

Eine letzte kritische Anmerkung muss den Tabellen gelten, die zumeist an Aussagekraft vermissen lassen, denn ohne Quelle oder Jahresangabe bleiben sie wertlos. Hier sei insbesondere die Tabelle zur indianischen Bevölkerungsentwicklung auf Seite 148 genannt, die Zahlen aus früherem Zensus mit späterem vergleicht. Nun wäre dies sicherlich interessant, doch sind Vergleiche kaum möglich, wenn die Bevölkerungszahl der Mandan „nach Pockenepidemie im 19. Jahrhundert“ mit dem Jahr 1970, anderseits die Entwicklung der Yakima zwischen 1970 und 2000 verglichen wird und sich die Tohono O’Odham damit begnügen müssen, dass „keine Angaben verfügbar“ sind. Zur Information sei darauf verwiesen, dass die Zensusbehörde der Regierung sehr wohl Zahlen zu bieten hat – und zwar selbst im Internet abrufbar. 1937 wiesen die Tohono O’Odham eine Zahl von 6.305 Stammesmitgliedern auf (nachzulesen unter www.census.gov).

Dennoch ist die Arbeit des Autors anerkennenswert, und den Korrektor hat sich der Verlag im Falle einer Zweitauflage ja hiermit bereits erspart.

gelesen von Lila Lichtenstein


 


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